Wie man dem Wetter sein Wetter austreibt

Alexander Kissler4.01.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Die jüngste Vierschanzentournee war ein weiterer Etappensieg auf dem Weg zur Verkünstlichung der Natur. Auf lange Sicht aber kann der Mensch diesen Wettkampf nicht gewinnen.

Die Natur ist ja schön, wäre sie nur nicht in der Natur: Diesen Stoßseufzer hat schon jeder angestimmt, dem ein Regen ein Picknick verhagelte, der beim Kraxeln sich die Haxen verhob oder dessen Urlaubspläne dank Schnee, Blizzard, Hochwasser ganz andere Umrisse annahmen. Natur bleibt unkalkulierbar, mag der Mensch sie noch so sehr einhegen, verregeln, beziffern.

Schluss mit Gaias Launen

Die Natur geht nie ganz auf in den ökonomischen Berechnungen, als die wir unser Leben begreifen. Sie sperrt sich gegen Vermenschlichungen jedweder Art und also auch gegen ihre Übersetzung in Zahlen. Dummerweise braucht der Mensch die Natur bei einer seiner liebsten verziffernden Beschäftigungen, dem Sport. Fußball ohne Gras, Marathon ohne Sonne, Ski ohne Schnee sind recht unvollkommene Spektakel. Und deshalb verfielen die Macher der Vierschanzentournee auf einen genialischen Einfall. Eine brandneue “Windregel” soll mit den Launen von Gaia Schluss machen. Erstmals 2011 wird der von den leichtgewichtigen Skifliegern begehrte Aufwind mit Punktabzug bestraft. Im Gegenzug erhält der vom Rückenwind Gebeutelte ein Punktezuckerl oben draufgelegt. Das Ergebnis, so heißt es, seien Transparenz und Fairness, die beiden mächtigsten in der Spätmoderne neu erfundenen Götter. Nun gewinne nicht mehr das Glückskind, sondern der Beste. Nun gebe es eine ausgleichende Gerechtigkeit für Wind und Wetter. Der Preis für diesen Etappensieg menschlicher Einfalt über die Natur ist, wie stets bei technischer Hinzufügung, der Bedarf an weiterer Technik. Rund um die Schanze wird es erst einmal unübersichtlich. Eine variable Markierung von schlappen 50 Zentimeter Breite zeigt jene um Punktezugabe oder Punkteabzug bereinigte Grenze an, hinter der landen muss, wer die Führung übernehmen will. Gut hat’s nur der Fernsehzuschauer. Er sieht eine Linie über den kompletten Hang gezogen, frisch hinzumontiert vom Rechner.

Perfektionieren des “Als ob”-Effekts

Man will also springen in der Natur, als wäre man außerhalb dieser. Künstlicher Schnee und Hallendach wurden andernorts schon aufgewandt, um den “Als ob”-Effekt zu perfektionieren: Technik, Chemie und Ingenieurskunst sollen eine Natur ohne Wettereinfluss simulieren, ein Leben ohne Lebenshauch. Die nächsten Schritte sind vorhersehbar: Der Fußball, der momentan noch, vor Katar 2022, den Komplettumzug ins klimatisierte Bewegungszentrum scheut, wird eine Regenregel und einen Windquotienten erfinden. Nach jedem Spiel wird sekunden- und beaufortgenau errechnet, welche Mannschaft länger den Wind gegen sich hatte. Aus einem ungerechten 0:0 kann dann schon mal ein gerechtes 0:0,5 werden. Peitschender Regen muss ebenso herausgerechnet werden, wenn dieser in der zweiten Hälfte die dann angreifende Mannschaft verschonte. Auch die Rasenqualität kann mit der Rasenformel berücksichtigt werden. Hat vielleicht eine besonders durchfurchte Stelle die justament dort stärker präsente Mannschaft unbillig benachteiligt? Und dann wären da noch die verheerenden Einflüsse des Windes auf Tennis und Golf, ganz zu schweigen von den Schlammaufwallungen beim Querfeldeinlauf. “Man muss sich klarmachen”, sagt Robert Spaemann, “dass es keine Vermehrung der Mittel der Naturbeherrschung gibt, die nicht zugleich Mittel der Menschenbeherrschung wären.” Auch der vergleichsweise triviale Fall der Naturaustreibung durch Sport hat Teil an dieser Doppelgesichtigkeit. Irgendwann werden wir in die Berge gehen und Kunststofffelsen besteigen, werden wir Seen durchschwimmen, die mit zuverlässiger Temperatur locken, und nichts vermissen.

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