Schrille Nacht

von Alexander Kissler21.12.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Auch in der Adventszeit regiert die Lautstärke. Lärm ist die Normalität unseres Umgangs miteinander geworden. Gute Politik aber müsste das Schweigen aushalten: Plädoyer für eine akustische Ökologie.

“Stade Zeit“ nennt man im alpenländischen Raum die Tage von Advent und Weihnacht. Still wird die Zeit gerufen, weil die Tage kürzer, die Nächte länger werden und demzufolge auch der Mensch dem nächtlichen Element sich öffne, dem Raum der inwendigen Stille. Eine kleine Auszeit, sagt das Wort, nehme sich in den kalten, kurzen Tagen die Lautstärke, mit der sonst die Welt den Menschen bedrängt und die die Menschen einander bereiten: stade Zeit, schöne Zeit.

Die Tage vor Heiligabend sind die lautesten überhaupt

Das Wort bewahrt eine Erfahrung, die längst ins Museum vergangener Bewusstseinszustände gewandert ist. Die Tage vor Heiligabend sind die lautesten überhaupt. Laut buhlt die Werbung um Kundschaft, laut sind die Gesänge bei den Weihnachtsfeiern, laut erregt sich der ausgebremste Verkehrsteilnehmer, der es in der “staden Zeit“ besonders eilig hat und nur besonders langsam voran kommt. Nicht einmal das Weihnachtsfest ist in Stille getaucht. Es beginnt und endet bereits vor der Zeit, am 24. Dezember fallen Warten, Bescheren, Vergessen in eins. Das Fest am Tag darauf ist vom Nachmittag an schon wieder zurückgestuft zum arbeitnehmerfreundlichen Brückentag, ist Auftakt zum Alltag, grau wie dieser. Alles andere wäre ein Wunder in einer Welt aus Lärm, mit lärmenden Geräten, lärmenden Betrieben, lärmenden Politikern. Dass der Mensch vor allem zwei Eigenschaften habe, Krach zu machen und nicht zuzuhören, wusste Kurt Tucholsky schon 1931. Heute indes ist der Lärm der Aggregatszustand fast unseres gesamten Umgangs. Lärm dringt aus den Gesten, mit denen der Mensch seinesgleichen begrüßt, aus den Reden, mit denen er sich verständlich machen und also ins grelle Licht setzen will, aus den Halb- und Viertelsätzen, die auf Überrumpelung, Einschüchterung, nicht auf Erklärung oder gar Überzeugung aus sind. Wir sind Lautsprecher geworden, Verstärker verschollener Töne.

Eine Avantgarde des Schreiens

Ergo wird ein solches Volk repräsentiert durch eine lärmende Elite. Ergo ist deren Avantgarde wiederum eine Avantgarde des Schreiens, abzulesen am Zetern und Plärren der sich zunehmenden entpolitisierenden Bündnisgrünen. Ergo zetern und plärren auch die parteipolitischen Gegner zurück, dass es (k)eine Art ist. Radau und Krawall sind Usus, man unterstellt sich, gern im Superlativ, moralische Verkommenheit, intellektuelle Inkompetenz, emotionale Trübung und sieht nicht, dass dieses Verdikt nichts anderes ist als eine Selbstbeschreibung. Und all das nur, weil die “stade Zeit“ keine stille mehr ist? Nein – und doch braucht jedes Rad, will es ruhig und zuverlässig laufen, eine stabile Mitte, einen bewegungslosen Punkt, in den alles Tempo mündet. Sollen Worte ernst genommen werden, müssen sie sich vom Schweigen abheben und also aus ihm kommen. Nur im Stillen und Sanften bereitet Großes sich vor. Deshalb wird das neue Jahr ein gutes Jahr, wenn die Politiker und das Volk, das sie vertreten, künftig Stille und Schweigen nicht für Indikatoren der Ahnungslosigkeit halten. Das Gegenteil ist richtig: In Lärm kleidet sich der Ahnungslose, laut ist der Unsouveräne, derb und schrill agieren Tölpel. Wer die Stille wagt, nähert sich der Wahrhaftigkeit. Darauf ließe sich 2011 bauen.

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