Erster unter den Letzten

Alexander Kissler7.12.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode legte ein Schuldbekenntnis ab und warf sich im Dom zu Boden. Das starke Bild wird bleiben – und dessen theologische wie politische Ambivalenz.

Die Letzten aber werden die Ersten sein, und wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt: zwei Sätze, wie in Stein gemeißelt, geläufig auch dem, der keine Bibel sein Eigen nennt. Sie stammen von Jesus Christus und sind sehr ernsthafte Ermahnungen, die irdische Ruhmsucht nicht zu übertreiben. Im Angesicht der Ewigkeit, besagt die strenge Mahnung, haben menschliche Ränge nichts zu bedeuten, ja, wird jedes nur menschliche Prestige umgekehrt.

Öffentliche Unterwerfung kann einen Machtanspruch begründen

Schon den Ersten, die dem Nazarener sich anschlossen, war demnach das Trachten nach Ansehen, der Kampf ums Renommee nicht unbekannt. Man wollte durchaus die anderen übertreffen, sei es an Frömmigkeit, sei es an Einfluss. Das Lob der Letzten und Erniedrigten hat indes eine Unwucht, die bis heute fortwirkt. “Diener der Diener Gottes“ nennt sich seit Gregor dem Großen der regierende Papst. Herrschen darf, herrschen soll der Untertänigste von allen. Öffentliche Unterwerfung kann einen Machtanspruch begründen. Von dieser Ambivalenz nicht ausgenommen ist das Bild der zurückliegenden Woche. Es zeigt Bischof Bode buchstäblich am Boden. Der Osnabrücker Oberhirte vollzog die Prostration – jedoch nicht, wie liturgisch vorgesehen, im Rahmen der Karfreitagsliturgie oder bei der Priesterweihe. Dort markiert das Zubodenwerfen des gesamten Körpers, mit Brust und Wange im Staub, die völlige Unterwerfung unter Gott, die Selbsthingabe. Zur Todesstunde Christi wie zum endgültigen Abschied vom ungeweihten Dasein macht der Gottesmann sich klein und schwach. Sein Leib hat eine theologische Botschaft: Zertritt mich nicht, du immer Größerer, wende dich nicht ab.

Das Bild wird bleiben, wenn die meisten Bilder des Jahres 2010 schon vergessen sind

Franz-Josef Bode wählte nun die Prostration, um stellvertretend Sühne zu leisten für die sexuellen Missbräuche im Raum der Kirche. Da sollte also nicht nur der Mensch und Bischof, da sollte die ganze Kirche von Osnabrück im Staub liegen aus Scham und aus Schuld. “Wir bekennen“, sprach Bode, “die gleichsam strukturelle Sünde in der Kirche, die auch hier bei uns Taten des Missbrauchs begünstigt und deren Aufdeckung erschwert oder behindert hat.“ So hätten sich die “Dunkelheiten und Schattenseiten einer Kirche“ gezeigt, “in der eine Atmosphäre herrschte, die oft die Verschleierung der Taten möglich machte“. Augenzeugen berichten von der sichtbaren, echten Ergriffenheit des Bischofs bei dieser Aktion, die bisher keinen Nachahmer fand. Das Bild aus dem Osnabrücker Dom wird bleiben, wenn die meisten Bilder des Jahres 2010 schon vergessen sind. Der liegende Bischof, seine Entschuldigung, sein Bekenntnis, seine Reue. Bleiben wird auch die unauslotbare Ambivalenz. Trieb ihn nur die Scham auf den Boden? Oder auch ein wenig der Ehrgeiz, Erster zu sein in der öffentlichen Demut, um als Erster zu gelten im Kreis der Gleichen? Wir wissen es nicht, wir ahnen aber: Die Zukunft wird es weisen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu