Von Göttern und Dingen

Alexander Kissler9.11.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Ludwigshafen am Rhein und Halle an der Saale gönnen sich einen gemeinsamen “Ring des Nibelungen“. Der Auftakt macht Lust auf mehr – er zeigt die Inneneinrichtung unserer Gattungsphantasie.

Alles, was endet, fing einmal an: Mit dem berühmten Kontra-Es zum Beispiel hebt das größte Werk der Operngeschichte an, eine Weltenschöpfungs- und Weltuntergangsphilosophie in Noten, der “Ring des Nibelungen“. Einerseits kann das werte Publikum sich nicht satthören an der rauschhaften Musik, sich nicht sattsehen am Wechselspiel von Götterwelt und Menschenwelt, von Mythos und Industrie, sodass zwischen Rheda-Wiedenbrück und Greiz bald jede Stadt mit ihrem eigenen “Ring“ wird aufwarten. Andererseits gibt es kaum eine Handvoll Städte, die die hierfür notwendigen Sangeskünstler in ausreichender Zahl und hinreichender Virtuosität auf die Bühne bringen können. Ludwigshafen am Rhein zählt nun dazu.

Bestenfalls solide

Dass das erste “Rheingold“ am Rhein kein Reinfall wurde, verdankt sich auch der zum Projekt verschwisterten Industriestadt aus Sachsen-Anhalt, Halle. Gemeinsam stemmten das Theater im Pfalzbau, die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und eben die Hallenser Oper den Vorabend zum Bühnenfestspiel. Das ließ bestenfalls Solides, schlimmstenfalls Peinliches erwarten. Provinz mal zwei wird oft zur potenzierten Provinzialität. Hier hingegen fügten sich Genius Loci und Talent zum vitalen, phantasievollen Präludium, das neugierig macht auf mehr. 2013 soll der komplette “Ring“ unter Hansgünther Heymes Regie en bloc gegeben werden. Heyme, der Pfalzbau-Intendant, ist neben Claus Peymann der letzte Mohikaner von 68 in leitender Theaterposition. Der Regisseur, Jahrgang 1935, gilt als Gedankenarbeiter und Gesellschaftskritiker im konventionellen Sinn. Vorab ließ er verlauten, die Herrschaft des Geldes zum Deutungsschlüssel machen zu wollen. Es werde “von all jenen erzählt, die die Unteren der Gesellschaft knechten“. Und dann das: statt drögen Agitprops ein märchenhafter Ausflug ins Land der Gernegroße und Habenichtse, stilistisch locker im Chicago der 1910er-Jahre verortet. Oder ist es Berlin anno 1925? Die Herren tragen zweifarbige Budapester und Zweireiher mit breiten Streifen, Wotans Kopf bedeckt ein weißer Strohhut, schwarz gerändert. Die Damen haben seidene Hauben auf wie einst Jenny Jugo.

Im Traum und im Spiel wird der Mensch zum Menschen

Die Bühne ist ein Phantasialand. Rechts dominiert die “Wand des Todes“ aus unzählbar vielen schwarzen Quadern mit Koordinatenbeschriftung, “N 5“, “0 6“, “P 7“ – ein Gräberplan für Urnen und Überreste. Vom Himmel senken sich gegen Ende zwei blonde Todesengel, die auf die Walküren verweisen. Vorn sind die Elemente in den Bühnenboden eingelassen, ein Bächlein für die Rheintöchter, ein veritables Feuerband für Loge, ein Gebläse für Gott Donner. So zeigt Heyme an den bunten Dingen die Inneneinrichtung unserer Gattungsphantasie, das Besteck und den Tand und die Instrumente eines träumenden Bewusstseins. Denn im Traum und am Spiel, sehen wir hier, wird der Mensch zum Menschen. Zu welchem Traum dann sich die Dinge addieren, wird die “Walküre“ im nächsten Oktober zeigen müssen. Dirigent Karl-Heinz Steffens begann konturenarm, allzu flächig, um sich stetig zu steigern. Das zupackende Finale gefiel auch dem verwöhnten Ohr. Die Staatsphilharmonie fand für die “Offenbachiade“ (Heyme) einen flirrenden, leichten Ton, der nur sehr zuweilen ins Deftige kippte. Unter den Sängern ragten der Alberich des Gerd Vogel, ein viriler und stimmstarker Ehrgeizling, und die Rheintöchter Ines Lex, Sophie Klußmann, Sandra Maxheimer heraus. Paul McNamara, der einen genretypisch verschmitzten Loge gab, soll als Siegfried wiederkehren. Dann wird sich manches Rätsel lüften, der ganze “Bedeutungsreiz und Beziehungszauber“ (Thomas Mann).

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