Ein Bistum implodiert

Alexander Kissler2.11.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Vatikan rüffelt den Aachener Bischof für seine Strukturreform. Der brisante Vorgang zeigt: Was Kirche ist, weiß die Kirche nicht immer zu sagen.

Der Vatikan hat dem Bischof von Aachen sein Vertrauen entzogen: Diesen Schluss erlaubt ein Schreiben aus Rom an Heinrich Mussinghoff. Der Brief vom 10. September 2009, der nun bekannt wurde, wählt klare Worte: In Aachen gäbe es manche “ernste Frage“ und viele “ernste Risiken“. Die “Verwirrung“ greife um sich, die “Besorgnis“ wachse, die “korrekte Zusammenarbeit“ von Priestern und Laien sei gefährdet. Bereits 271 Gläubige aus Mussinghoffs serbelnder Diözese haben sich in Rom über die Aachener Zustände beschwert.

Diese Kollision ist symptomatisch

Aachen, ließe sich sagen, Aachen, was schert uns das offenbar finanziell wie geistlich abgewirtschaftete Bistum Aachen? Gab es das nicht schon immer, glückliche und glücklose Bischöfe, begabte und überforderte? Symptomatisch aber ist diese Kollision von Kirchenrecht und Kirchensturm für ganz Deutschland. Fast in der gesamten Republik wird getan, was Mussinghoff tat, wenngleich nicht immer derart brachial: Mussinghoff legte 540 Pfarreien zu 71 “Gemeinschaften der Gemeinden“ zusammen. Diese werden von “Pastoralteams“ geleitet, in denen der Priester der Exot ist. Die “kooperative Pastoral“ soll Seelsorge zum Gruppenevent machen. Der Vatikan befürchtet, mit diesem Modell werde an der priesterlosen Gemeinde und der sakramentenfreien Kirche gebaut – an der Verwandlung also von Glaube in Diskurs. Mussinghoff, wir erinnern uns, ist mit dem Papst selten einverstanden und liturgisch anspruchslos. Er redet lieber politisch als geistlich und bastelt gern an Strukturen. “Tradition“ ist für ihn – wörtlich im Frühjahr 2009 – das Festhalten an “Projektleitungs- und Profilcoachings für alle pastoralen Dienste“. Wenn er predigt, predigt er im schönsten Soziologendeutsch über den “interkonfessionellen Pluralismus“, der zu einer “Identitätsdiffusion führt, die konsensfähige interkonfessionelle Vereinbarungen erschwert” – so zu hören in der Jahresabschlusspredigt an Silvester 2008 im Dom zu Aachen. Und wenn er für die “kooperative Pastoral“ wirbt, verdichtet er Schlausprech und Geltungsdrang zu Gemeinplätzen: “Als Bischof ist mir durchaus bewusst: Individuelle Identitätsentwicklung geschieht in einem Spannungsfeld von persönlicher Anpassungsfähigkeit und einer mal eher affirmativen, mal mehr konfrontativen Abstimmung mit vorgefundenen Identitätsmustern.“ Mussinghoff, ließe sich sagen, spricht und handelt im Grenzbereich, dort wo Pseudotheologie und Pseudosoziologie aufeinandertreffen.

Sprache verrät auch den, der sie verbiegt

Der Vatikan meinte sich darum in Gestalt des damaligen Präfekten der Kongregation für den Klerus, Claudio Hummes, verpflichtet, dem Aachener auf die Finger zu sehen. Der Brief von September 2009 ist ein Totalverriss der “kooperativen Pastoral“. Schon das Wort sei, ebenso wie jenes von der “Gemeinschaft der Gemeinden“, “geeignet, eher mehr Verwirrung zu stiften“. Es mangele an “authentischer geistlicher Erneuerung“ aus den Sakramenten, den Priestern werde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, Seelsorge scheine “einer Art Gemeinschaftsorgan überantwortet“. Vor allem aber werde zu wenig getan, um die Großgemeinden deutlich als nur “vorübergehende Lösung“ zu kennzeichnen. Mussinghoff will demnach mit kirchenrechtlichen Tricks und also womöglich im Vorhof der Häresie die “lehrmäßigen Prinzipien“ aushebeln: Diesen fatalen Eindruck hat der Vatikan. Aus der Ferne lässt sich der Ausgang des Ringens nicht prognostizieren. Der bisherige Verlauf aber zeigt, dass die Sprache auch den verrät, der sie verbiegt – und dass ein Hirtenamt nicht immer davor bewahrt, das Gatter weit zu öffnen für Wölfe jedweder Couleur.

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