Hochstapelei und Journalismus

von Alexander Kissler26.10.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Ein sehenswerter Dokumentarfilm erinnert an Aufstieg und Fall des Journalisten Tom Kummer. Dessen gefälschte Interviews sorgten vor zehn Jahren für einen gewaltigen Medienskandal. “Bad Boy Kummer” wurde jetzt zum Lehrstück über die Grenze von Realität und Fiktion.

Sharon Stone sprach zu ihm: “Mein Charakter gleicht manchmal einer ganz miesen Gegend in Los Angeles. Und die Vernunft sagt mir dann, ich solle dort nicht allein hingehen.” Liebe und Sexualität seien “Metaphern für den Sturz in den Abgrund”. Pamela Anderson beichtete ihm, sie habe “im ganzen Leben achtzehn intime Beziehungen” gehabt. Phil Collins erzählte ihm: “Wer mit mir zu tun hat, der liebt intensiver.” Mit Mike Tyson sprach er über Kierkegaard und Kakerlaken, mit Courtney Love über Simone de Beauvoir und Seelenwanderung, mit Nicolas Cage über Alkohol und Malerei. Das alles gelang nur ihm, dem Star unter den Star-Interviewern, Tom Kummer. Heute wissen wir: Es waren Selbstgespräche. Rund 60 Interviews, Porträts, Reportagen, die der Berner Tom Kummer in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre veröffentlichte, waren erfunden, erflunkert, gefälscht. Es begann mit Pamela Anderson, mit der er im Januar 1996 in Los Angeles ausführlich gesprochen zu haben behauptete. Vier Jahre später flog der Schwindel dank der Recherchen des Magazins Focus auf. Es waren vier Jahre auf der Überholspur, in der Beletage des deutschsprachigen Journalismus, hohe Honorare, hohe Spesen und gewaltige Aufritte vor allem im SZ-Magazin inklusive. Dessen beide leitenden Redakteure mussten wegen der Nummer mit Kummer gehen.

Er war der große Entblätterer

Der Mann aus der Schweiz ist ein Betrüger. Er lieferte Texte, die gerade deshalb so aufschlussreich, so sensationell überraschend erschienen, weil und solange sie als authentisch galten. Er war der große Entblätterer der Stars, der Masken vom Gesicht zu reißen vorgab und doch selbst eine einzige Maske war. Seit der zurückliegenden Woche enthüllt der sehenswerte Dokumentarfilm “Bad Boy Kummer” von Miklós Gimes – vorerst nur in Schweizer Kinos – das Drama hinter der Aufschneiderei, das Drama des verhinderten Künstlers. Kummer war nämlich Videokünstler, ehe er sich aufs Schreiben verlegte. Fast sein gesamtes Leben hat er seit dem 20. Lebensjahr mit der Videokamera dokumentiert. Er erklärt sich selbst, spricht zu sich selbst, tänzelt, posiert und lügt, wann immer die Kamera läuft, und sie lief nahezu unentwegt. Ein Mitteilungsdrang, der für zwei Egos ausreichte, dringt aus jeder Pore des hageren Vogelscheuchenmannes mit den Gesichtszügen von Nosferatu. Der Mut aber, ein womöglich mittelmäßiger Künstler zu werden, kam ihm abhanden – spätestens, als er selbst, wie er sagt, nach dem “Stoff” süchtig wurde, den er produzierte. Der “Spaßfaktor” beim Schreiben und die Freude über Lohn und Anerkennung kamen hinzu. Niemand, erklärt er in einem Anflug von Rechtfertigung, habe nach der Art der Interviews gefragt, niemand aber auch könne “so blöd” gewesen sein, diese “1:1” für echt zu halten. Absolut undenkbar sei es etwa, den damaligen Chefredakteur des Schweizer Tagesanzeiger-Magazins, Roger Köppel, für naiv zu halten. Jeder Profi habe erkennen müssen, um welch einen besonderen “Stoff” es sich da handele. Also nahm Kummer das Lob für eine Unbedenklichkeitserklärung – nach dem Motto: Sie wollten es ja nicht anders, die Zeitungs- und Zeitschriftenmacher.

Berauscht vom Gestus

Damit macht der geltungsbedürftige “Borderline”-Journalist es sich viel zu leicht. Kummer, der heute Kleinfeldtennis in Los Angeles unterrichtet, hatte Spaß daran, die Welt zum Narren zu halten. Er war ein schreibbegabter Felix Krull. Andererseits ist sein Einwand nicht grundfalsch. Manchmal schlägt die sensationell anmutende Story Bedenken über deren Glaubwürdigkeit aus dem Feld. Manchmal berauschen sich Journalisten mehr am Gestus als an der Wahrheit des Gesagten. Manchmal sind Redaktionen Durchlauferhitzer für Sensationen, nicht Labore des Wissens oder zumindest Manufakturen der Unterhaltung. “Bad Boy Kummer” lehrt: Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist keine Illusion. Es gibt sie, und wer sie lügnerisch übertritt, stürzt in den Abgrund.

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