Auf der Streckbank

von Alexander Kissler19.10.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Bundesregierung ist es 12 Millionen Euro wert, islamische Religionsgelehrte an staatlichen Universitäten auszubilden. Sollte sich die Entwicklung der christlichen Konfessionen wiederholen, ist damit die Säkularisierung und Entkernung des Islam eingeläutet.

In der zurückliegenden Woche kam die Integration des Islam ein gutes Stück voran. Ihm wurde jene freundliche Umarmung zuteil, die schon dem Christentum die Luft abdrehte, es dem Kollaps nahebrachte und als jene untote Leich’ zurückließ, als die es heute jedes Podium und jede Gedenkfeier ungemein putzt; man kann sie schminken nach Anlass und Bedarf, die pflegeleichte Leich’. Der Islam also soll jetzt mit Mitteln aus dem Bundessäckel an deutschen staatlichen Universitäten gelehrt werden. In Tübingen, Münster, Osnabrück sollen jeweils bis zu vier Millionen Euro verwandt werden, um Imame an islamwissenschaftlichen Zentren auszubilden. Auf fünf Jahre ist das Projekt angelegt.

Blick auf den zivilisatorischen Fortschritt

Lassen wir den kindischen Einwand beiseite, warum die Bundesregierung hier in die Kulturhoheit der Länder eingreift. Verkneifen wir uns die törichte Frage, welche Spielart des Islam in welchen Mischungsverhältnissen gelehrt werden wird und ob sich die jeweils weniger stark repräsentierte Richtung, vermutlich also der alevitische und der schiitische Islam, dann anderen Ausbildungsstätten zuwenden wird. Übergehen wir auch die Sorge, die neuen deutschen Islamgelehrten wären mit dem Stigma der Staatlichkeit beschwert und bekämen deshalb mit dem Abschluss den Beratungsgutschein für die Arbeitsagentur gleich mitgeliefert. Sehen wir nur auf den zivilisatorischen Fortschritt, denn ein solcher ist es unbedingt – sofern man jenem Bild von Zivilisation und Aufklärung anhängt, dem zufolge nur ein säkularisierter ein guter Glaube, nur ein unsichtbarer Gläubiger ein guter Bürger ist. Dazu nämlich wird es unweigerlich kommen, nimmt man die Entwicklungen innerhalb der Christenheit zum Maßstab. Zu keiner Zeit stand, rein quantitativ, die religionspädagogische und theologische akademische Unterweisung in größerer Blüte als in den Jahren der Bundesrepublik. Es gibt heute noch Religionslehrer zuhauf, Theologieprofessoren sonder Zahl. Was es aber kaum gibt, ist überzeugter christlicher Glaube. Man könnte vermuten, dass die reibungslose Integrierbarkeit eines Glaubens in staatliche Herrschaftssysteme ein Indikator ist für dessen Schwäche.

Lehre ersetzt Glaube

Die universitäre Ausbildung, die weit hineinstrahlt in die Räume der Öffentlichkeit, erwies sich offenbar an vielen Stellen als glaubensmindernd, wenn nicht -zersetzend. Darum liefert der schulische Religionsunterricht oft Anweisungen in allgemeiner Menschenkunde statt Einführungen in den eigenen Glauben. Darum reden Theologieprofessoren oft so, als müssten sie sich für den Glauben entschuldigen, dem sie leider Gottes angehören und den sie persönlich viel lieber nach eigenen Rezepten buken. Sie alle, die öffentlichen Religionsexperten, sind durch das Stahlbad der Universität hindurchgegangen, was zweifellos der richtige, der notwendige Impuls war. Leider aber, leider, blieb der Glaube oft in irgendeinem Seminarraum zurück. Der Protestantismus vollendet gerade seine Selbstabdankung, indem er beflissen politisiert und kryptisch theologisiert; kaum besser sieht es in der katholischen Fraktion aus. Wenn der Staat unter Führung einer christdemokratischen Bildungsministerin nun den Islam auf die Streckbank der staatlichen Universität schickt, bedeutet das: Man nimmt den Islam ernst, man will ihn entkernen. In 20 Jahren sprechen wir uns wieder.

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