Weggehen können

von Alexander Kissler12.10.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Ein neues Jahr, ein neues Album: Der Chansonnier aus Berlin lädt in seinem 59. Lebensjahr wieder zur Reise ins eigene Sehnsuchtsland. Ein Geständnis.

Wir sind hier unter uns, also kann ich es gestehen: Ins Auto kommt mir nur Klaus Hoffmann. Ja, Deutschlands letzten Chansonnier meine ich, den einstigen Hauptdarsteller in den “neuen Leiden des jungen W.”, den Jacques-Brel-Interpreten aus Berlin und melancholischen Komödianten in eigener Sache. Seine Platten erzählen von meinen Reisen. Die Fahrten im eigenen Wagen sind mir alle Hoffmanniana geworden. Ich weiß, wo er die Esoterikerin “Mona” besang und wo die kleine “Tilly”, wo er den Vater danach fragte, wie das Sterben angeht, wo er “außerhalb der Gruft” und wo “von dieser Welt” sein wollte, wo es “Zeit zu leben” war und wo es “Treppe ruff, Treppe runter” ging. Und nun, neuerdings, lasse ich mir von ihm “Das süße Leben” erklären. Ist es sein 25. oder 35. Album? Ach, wer mag da zählen.

Klaus Hoffmann ist unverwüstlich

Klaus Hoffmann ist unverwüstlich, aber nicht unentwegt jung. Weil fast jedes Album sein Gesicht trägt, sind es Studien der Vergänglichkeit geworden, vom Debüt unter eigenem Namen 1975 bis eben 2010. Damals war er ganz der jugendliche Stürmer und Dränger, mit fast blondem und naturgewelltem Haupthaar, dem Raffael nachempfunden, direkt ins Kameraauge blickend: Willste was? Heute lächelt ein Grandseigneur mit locker gebundener schwarzer Krawatte am Betrachter vorbei. Ist das scheu, verschmitzt oder beides? Geblieben ist der sogenannte Schmelz in der Stimme, intonationssicher, kräftig, unangegriffen – eine reife Leistung, gewiss nicht trainingslos zu haben. Zur Verstärkung holte er sich für “Das süße Leben” Musiker der Münchner Philharmoniker ins Studio, und wie fast immer bei orchestraler Aufwuchtung intimer Kammerstücke hätte man darauf verzichten können. Leider auch werden die Untiefen des Schlagers, die bisher dank nie ganz bruchloser Texte umschifft wurden, im peinigenden Schmachtfetzen “Der Junge und das Meer” bei vollen Segeln angesteuert. Insofern war beim ersten Hören nach der ersten Fahrt klar: eine Enttäuschung, kein Vergleich zu den Meilensteinen “Sänger” (1993), “Hoffmann, Berlin” (1998) und “Von dieser Welt” (2005). Andererseits hilft das zweite Lauschen. “Der Junge und das Meer” bleibt natürlich schlimm, im Ganzen ist das getragene Tempo abwechslungsärmer als auch schön. Die Preziosen aber sind da, sie lohnen die Lektüre. “Am Tag danach” montiert in bester expressionistischer Manier den Kater des unterlegenen Kandidaten nach einer Parlamentswahl und den Kater nach einer Liebesillusion zusammen. Hier ist das Moll schwungvoll genug, und auf diese Zusammenfügung muss man erst einmal kommen. Auch der alte Wunsch, “noch mal von vorn” zu leben, bewegt, die Erfahrung, dass eine ganze Stadt, dass also ganz Berlin “heute dein Gesicht” hat, nicht minder. Und natürlich perlen die Gitarren mit Schmackes, weil Michael Brandt sie anstimmt. Älter werden, lernen wir, ist nicht leicht, gelingt nicht immer, kann aber durchaus Teil sein des süßen, guten Lebens.

Erwachsen sein heißt weggehen können

Erzählen muss ich noch, was mich zu ihm trieb, dem “Frauenversteher”, der “singenden Wärmflasche” – so stand es schon böse zu lesen. “Ciao Bella” war es, das Titellied von 1983, mit der Schlüsselzeile “aus Kläuschen wurde Klaus”, das den damals Unmündigen ungemein ansprach. Ja, auch selbst würde man bald alles Kleine ablegen und erwachsen sein, also lernen, wie man Abschied nimmt. Diese Lektion blieb, und sie blieb inwendig mit dem Namen Klaus Hoffmann verbunden. Erwachsen sein heißt weggehen können.

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