Der Eiserne

von Alexander Kissler5.10.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Wieder muss der gelähmte Bundesfinanzminister seiner Krankheit Tribut zollen. Er muss ins Hospital und will doch weiter regieren. Ist das Loblied auf Schäubles Härte gegen sich selbst, das nun überall angestimmt wird, ehrlich?

Man nennt ihn den Eisernen, den Unbeugsamen, den Tapferen, ja, den “König der Schmerzen” – so Franz Josef Wagner in seiner BILD-Kolumne. Man bewundert den Eisernen sehr, man hat großen Respekt vor ihm, man ist ergriffen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble muss nämlich abermals ins Krankenhaus, vier Wochen in der Horizontalen sind geplant. Aber er wolle “die Amtsgeschäfte vom Krankenbett aus führen”, erklärte sein Sprecher, das habe der Minister im Frühjahr schon einmal gemacht und bewältigt. Der querschnittsgelähmte Schäuble kann das, lautet die Botschaft, den wirft nichts um, schon gar nicht ein Dekubitus.

Es gibt keine aktionsfreie Zone

Ein Krankenbett ist ein Bett für Kranke. Wer darin liegt, ist nicht gesund, er liegt darin, um gesund zu werden: Nimmt man diesen eigentlich ganz einfachen Sachverhalt zum Ausgangspunkt, dann lässt sich die traurige Geschichte des Wolfgang Schäuble auch anders erzählen. Dann ist der Eiserne zunächst einmal der Störrische, der Eigensinnige, der Unvernünftige, der partout nicht akzeptieren will, dass auch ihn eine Erkrankung außer Gefecht setzen kann. Der die Einschränkung seiner Leistungskraft als persönliche Kränkung auffasst, der jede Sorge nur um den Leib als verlorene Zeit abtut, der schaffen will, gestalten und entscheiden, bis ihm der Kugelschreiber aus der Hand geschlagen wird – ein Alphabulle, ein Mannesmann, ein Held der Arbeit. Auch auf eine weitere Weise lässt sich die Geschichte des kranken Ministers erzählen. Sie handelt schließlich auch von der Politik, die uns regiert. Demnach wissen wir zwar längst nicht immer, welche Prinzipien, welche Motive das handelnde Personal leiten. Der Fall Schäuble zeigt aber mit drakonischer Hellsichtigkeit, dass dem Willen zu handeln nichts vorgezogen werden darf. Wir ahnen nur, zu welchem Zweck die politischen Aktionen tagein, tagaus sich türmen. Dass der Aktionismus aber unter allen Zwecken ein Hauptzweck ist, dass selbst das Krankenhaus keine aktionsfreie Zone sein darf, sehen wir nun. Politik ist demnach das, was Lärm macht und Betrieb, was funktionieren muss und irgendwie auch funktioniert, und sei es um den Preis des körperlichen (und seelischen) Ruins der Handelnden: Politik, ein Verbrennungsmotor.

An der Grenze zum Voyeurismus

Welche der drei Geschichten ist wahr? Jede Variante hat ihre eigene Wahrheit, aber nimmt man nur eine, landet man im Unwahren. Es ist eben nicht ohne heuchlerischen Unterton möglich, das Loblied auf den Unbeugsamen zu singen und die Nebenfolgen solch rücksichtsloser Selbstausbeutung auszublenden. Darum sind “Respekt” und “Sorge”, laut hinausposaunt, dem Voyeurismus und damit der Gnadenlosigkeit eng verschwistert. Auch wer nur den Eigensinn herausstellt und den Stab über den schwierigen Patienten bricht, übersieht, dass dieser tatsächlich im politischen Hamsterrad gefangen ist. Und wer die Politik als System in den Senkel stellt, verkennt die hoch individuelle Dimension. Eines aber scheint klar: Gesund ist das alles nicht. Weder das Eiserne noch das Störrische noch das Getriebene mag man einem guten Freund wünschen. Der Fall Schäuble ist die Saga eines Menschen, der die hohe Kunst, Abschied zu nehmen, nicht gelernt hat. Wer wäre ihm da voraus in einer Gesellschaft, die noch an den Schwachen die Stärke verherrlicht?

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