Bunker und Kirche

Alexander Kissler24.08.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Seit dem Rücktritt des geistlichen Leiters steht die Journalistenschule IFP unter Beobachtung. Haben die Bischöfe einen mutigen Querdenker aus dem Amt gedrängt? Empörung aber ist kein Ersatz für Professionalität und Kirchenkritik kein Schutzmantel für Differenzierungsscheu.

Wie jede einfache Sache ist auch diese hoch kompliziert: Eine Journalistenschule nennt sich katholisch und betreut deshalb einen katholischen Priester mit der “geistlichen Leitung”. Dieser Priester gibt, kaum hat er das neue Amt übernommen, ein Interview, in dem er recht rüde über die katholische Kirche herzieht. Jene Institution, die das von ihm mitgeleitete Institut trägt, nennt er abschätzig das “System Kirche”, in dem eine “Bunkermentalität” herrsche und die von einem Mann geleitet werde, dem Papst, der besagtes System “an die Wand fährt”. Eine halbherzige Entschuldigung zerstreut die Zweifel an der Loyalität des alten Priesters nicht. Bischöfe halten ihn für eine Fehlbesetzung. Der geistliche Leiter nimmt daraufhin seinen Hut.

Die Meinungsfreiheit sei in Gefahr, schreien Journalisten

Das ist nun wahrlich eine ganz einfache Sache: Wer in der Öffentlichkeit in Worten, die weder auf eine differenzierte Denkarbeit noch auf eine gute Kinderstube schließen lassen, seine eigene “Firma” schmäht, darf sich nicht wundern, wenn diese ihm den Rücktritt nahelegt. Pfarrer Michael Broch hat sich verhalten wie ein neuer Abteilungsleiter in einem Ministerium, der öffentlich das “System Politik” geißelt, das Ministerium für rückständig erklärt und den Minister der Inkompetenz zeiht. Zudem hat Broch entweder gelogen oder eine erschütternde Unprofessionalität an den Tag gelegt. Seine Behauptung nämlich, die skandalisierten Passagen nicht gegengelesen zu haben, wurde von der interviewenden Zeitung sehr bestimmt zurückgewiesen. Insofern müsste der Tag des Rücktritts als ein guter Tag in die Annalen des Münchner “Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses” (IFP) eingehen. Ein offenbar vielseitig überforderter Mann resignierte, damit die Journalistenschule das Vertrauen der sie tragenden Bischöfe zurückgewinnen und die Zweifel an der eigenen Professionalität zerstreuen kann. Was aber geschieht? Die Meinungsfreiheit sei in Gefahr, schreien katholische und nicht katholische Journalisten auf, die Kirche habe sich als dialogunfähig erwiesen, der Kadavergehorsam einer Kaderschmiede sei gewünscht. Halten zu Gnaden: Jeder darf gegen wen auch immer verbal aufbegehren, aber wer in der Öffentlichkeit ein neues Amt mit einer polemischen Generalabrechnung beginnt, handelt unklug und unprofessionell, illoyal und selbstgerecht. Wer spricht, wie Broch in besagtem Interview sprach, erweist sich gerade nicht als dialoginteressiert. So redet jemand, der sich im Besitz der gültigen Meinung wähnt, breit und mutmindernd abgesichert vom katholischen juste milieu. Warum soll jemand, der innerhalb der Kirche einer anderen Sicht zuneigt, mit jemandem dialogisieren, der die Gegenposition vorab in bellizistischen Begriffen denunziert? Außerdem ist die Wirkung der Broch’schen Worte als Toast im neuen Amt doch wohl die gewesen, dass ein arg einseitiges Bild von Kirche als neue Institutslinie erschien – dass also das IFP kirchenpolitisch gekapert werden und sich zu einer weiteren Filiale der Papstkritikerindustrie entwickeln soll.

Es gibt keinen Konsens, was jenseits der Kirchensteuer das Katholische definiert

Die Krise und die teils plumpen Solidaritätsbekundungen aus den Reihen von Politik, Journalismus, Verbandskatholizismus zeigen vor allem eines: dass es keinen Konsens darüber gibt, was jenseits der Kirchensteuerpflicht das ausgezeichnet Katholische definiert. Wenn die verbliebene Institutsleiterin den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, brieflich bittet, sich für Brochs Verbleib im Amt zu verwenden, da dieser “im Zusammenhang mit der Missbrauchsdebatte unter starker Anspannung stand, sodass es zu diesen unbedachten Formulierungen kommen konnte”, dann schwelt die verleugnete Debatte weiter. Es geht nicht um diese oder jene tatsächlich oder angeblich verunglückte Formulierung. Es geht um die Frage, ob die innere Auszehrung der Konfessionen gestoppt werden kann, indem man hauptamtlich und in aller Öffentlichkeit das bequeme Geschäft der Gesellschaftskritiker, Kapitalismuskritiker, Kirchenkritiker betreibt – oder eher dadurch, dass eine schrumpfende Gemeinschaft der Gesellschaft munter erklärt, was es mit der Sache Christi auf sich hat.

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