Gleichheit lässt sich nicht verordnen

Alexander Kissler17.08.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Auch hehre Ziele können knebeln: Weder der Bildungschip für Hartz-IV-Familien noch das anonymisierte Bewerbungsverfahren wird die Chancengleichheit drastisch erhöhen. Beide aber stärken die Staatsgewalt.

Zu den bewegendsten utopischen Romanen zählt “Die Sintflut” von Stefan Andres. Das voluminöse Werk entstand zwischen 1937 und 1958. Zehn weitere Jahre verschlang der heikle Prozess des Kürzens für eine handlichere Ausgabe, die, abermals bearbeitet, erst 2007 erscheinen konnte. Sintflut meint die heraufziehende Herrschaft der “Norm” – einer Bewegung, welche die “Prägung des Individuums zu einem vollendeten Untertanen” anstrebt. Durchgeführt werden soll die Normierung durch “Gemütspolitiker”. Diesen wiederum fällt die normierende Arbeit desto leichter, je staatshöriger die Bürger schon sind. Getarnt wird das Umerziehungswerk mit allerbesten Absichten: Man wolle ja nur “dem Menschen die Zugänge zur Sünde durch richtige Führung verlegen”.

Jeder Chip ist ein Buchhalter mit langem Gedächtnis

Einem besonders hehren Ziel hat sich die bundesdeutsche Politik momentan verschrieben: der Chancengleichheit. Niemand kann, niemand sollte etwas dagegen haben. Wir träumen vermutlich alle von einer Welt, in der das Sein mehr zählt als das Haben, das Tun mehr als das Herkommen, das Erworbene mehr als das Zugefallene. Genau deshalb, sagt man uns, werde bald die “200-Euro-Bildungschipkarte” eingeführt und auch das anonyme Bewerbungsverfahren. Die Chipkarte soll Kindern aus einkommensschwachen Familien den kostenlosen Zugang zu Bildungseinrichtungen ermöglichen. Die anonyme Bewerbung soll verhindern, dass Bewerber aufgrund rein äußerlicher Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Hautfarbe gleich in der ersten Runde aussortiert werden. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 will es so. Beide Maßnahmen haben eine abgründige Unwucht. Wunderbar wäre es, wenn dank der Chipkarte mehr Kinder in möglichst vielen Museen, Theatern, Schwimmbädern, Turnhallen gesichtet würden. Jeder Chip aber ist ein Buchhalter mit langem Gedächtnis. Er protokolliert seine Verwendung akribisch und wird so zum Wächter des Chipbenutzers. Wird der Staat sich diese Kontrollmöglichkeit entgehen lassen – sofern er sie nicht eingeplant hat? Wird der prüfende Blick auf den Bildungschip zum Strafgericht für Hartz-IV-Eltern? Wird der Staat die heranwachsenden Bürger, chipüberwacht, in einen Parcours staatspolitisch erwünschter Erziehungsmaßnahmen zwingen und davon seine Leistungen abhängig machen? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein freiwilliges Angebot eine Norm ausbildet.

Wahre Freiheit sprengt jede Normierung

Gleichbehandlung wiederum lässt sich durch Anonymität nicht verordnen. Gesichtslose Lebensläufe sind zum einen blutleer und also ein Trugbild. Sie vermitteln den Eindruck, der Mensch sei das, was übrigbleibt, wenn man ihn des Menschlichen entkleidet und auf seine Leistungsnachweise reduziert. Zum anderen aber – und das ist das Entscheidende – wird die Auslese bloß verlagert. Beim Bewerbungsgespräch fällt alle Anonymität. Der einzige Unterschied zur Vorauswahl qua Lebenslauf bestünde darin, dass das Bewerbungsgespräch zum Normalfall würde. Stark ausgesiebt würde dann in der zweiten Runde, heftiger als jetzt. Nicht geringer wäre die Enttäuschung der Abgelehnten und offen für Verdächtigungen jedweder Art. Der Staat aber könnte sich auf den bequemen Standpunkt zurückziehen: Immerhin waren ganz am Anfang alle Chancen formal gleich, immerhin hast auch du, lieber Ausgesiebter, die erste Norm erfüllt. Gerne kannst du bei mir, deinem Staat, die Rechtmäßigkeit des Verfahrens prüfen lassen. Die Stelle hat dennoch längst ein anderer. So gilt auch hier: Mit jedem neuen Staatseingriff schwinden in der Regel die Freiheitsrechte des Einzelnen – auch dann, wenn der Staat eingreift, um neue Freiheiten zu etablieren. Wahre Freiheit sprengt eben jede Normierung, und kaum etwas anderes als Normierung meint unser Allparteienstaat, wenn er Politik sagt.

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