Sprachenstreit in Südtirol

Alexander Kissler9.08.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Fast hat es den Anschein, als seien die Erben Andreas Hofers entschlossen, sich von Italien zu lösen: In Südtirol tobt ein bizarrer Namensstreit. Er ist aus dem Stoff, aus dem auch eine alte Wahrheit gemacht ist.

Ein Satz hat ausgereicht. Drei Worte waren genug, um alte Wunden aufzureißen und einen neuen Sprachenkrieg zu entfesseln: “Siamo in Italia”, sprach unlängst ein Minister der Regierung Berlusconi, “wir sind in Italien”. Wer, denkt sich der unbefangene Betrachter, mag dem Minister für die Regionen da widersprechen, solange Signor Fitto sich auf dem Gebiet der Republik Italien befindet? Ist ein solcher Satz nicht die pure Tautologie? Nein, ist er nicht, weil Raffaele Fitto den Satz ausdrücklich auf Südtirol bezog. Aus der mehrheitlich deutschsprachigen Autonomieregion, der Bundeskanzlerin liebstem Urlaubsland, scholl es Fitto frisch entgegen: “Südtirol ist nicht Italien.” Nach dem Ersten Weltkrieg sei “das unbezwungene Italien durch Fremdeinwirkung von Österreich abgetrennt” worden; die “koloniale Überrumpelung” von damals erhebe nun ihre Fratze; getreu dem Motto “einmal Faschismus, immer Faschismus” wollten Berlusconi, Fitto und Konsorten die Südtiroler wieder zum “Volk zweiter Klasse” herabstufen und sie ihrer “Wesenheit” berauben; nur Volksabstimmung, Unabhängigkeitserklärung und Austritt könnten abhelfen: So steht es dieser Tage in den Südtiroler Tageszeitungen.

Wird aus dem “Radlsee” der “Lago bicicletta”?

Auslöser für so viel Zorn war ein bizarrer Schilderstreit. Fitto gefiel es, just zur Sommerzeit zu bemerken, dass nicht alle der 36.000 Hinweisschilder auf Südtirols Wanderwegen vorschriftsgemäß zweisprachig gehalten sind. Innerhalb der nächsten 90 Tage seien jene, auf denen nur Deutsch geschrieben steht, gegen solche mit deutschem und italienischem Text auszutauschen. Wie aber übersetzt man Flure und Auen und Berge? Wird aus dem “Radlsee” der “Lago bicicletta”? Muss “Ober-Bozen” wirklich zu “Soprabolzano” und gar der “Zendleser Kofel” zum “Col di Poma” werden? Tief eingesunken ins Südtiroler Bewusstsein sind die Versuche der Faschisten, in den 1920er-Jahren auf solchem Wege das einverleibte Gebiet an Rom zu fesseln. Den Marsch auf Bozen kommentierte Mussolini am 4. Oktober 1922 siegestrunken: “Wer hat die Italianität in einer Stadt durchgesetzt, die italienisch sein muss? Der Faschismus!” Bald war es verboten, “Tirol” statt “Alto Aldige” zu sagen. Die Orts- und Familiennamen wurden zwangsübersetzt, Deutschunterricht konnte nur noch – dank kirchlicher Hilfsprogramme – im Untergrund stattfinden, Italienisch wurde Amtssprache, die “Vergewaltigung einer Minderheit durch die Faschisten” (Rolf Steininger) schritt voran. Ahnherr und Organisator der Umerziehung war Ettore Tolomei. Der “extremste italienische Nationalist” (Steininger) hatte schon 1915 ein Memorandum über die Annexion Südtirols vorgelegt. Ein Jahr später veröffentlichte er, von wenig Sachkenntnis getrübt, ein Wörterbuch mit rund 10.000 laienhaft übersetzten Südtiroler Orts- und Flurnamen. “Gossensaß” etwa verballhornte er zu “Colle Isarco”, weil dort der Fluss Eisack (Isarco) an einem Hügel (Colle) vorbeifließt. Als Tolomei 1923 zum Senator ernannt wurde, begannen die Faschisten, den Namenskatalog abzuarbeiten und alle Spuren der 500-jährigen österreichischen Geschichte Südtirols aus den Namen zu tilgen.

Jedes Wort trägt eine Welt

Die aufgebrachte Südtiroler Volksseele, wie sie sich heute Seite um Seite in Leserbriefen artikuliert, sieht die Stunde zum Widerstand gekommen. Italien sei “das einzige Land in Europa, wo immer noch sichtbare faschistische Relikte vom Staat toleriert werden”. Rom scheine offenbar “den Verlust seiner Kriegsbeute von 1918/19 ernsthaft zu befürchten”. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag sei nun gefordert. Und wenn Österreich, bemerkt listig ein nordtirolerischer, also österreichischer Politiker, den Kosovo als eigenen Staat anerkenne, dann müsste es konsequenterweise auch einen Freistaat Südtirol anerkennen. Dies- und jenseits von Fitto und Berlusconi, Andreas Hofer und Ettore Tolomei bestätigt der so eruptiv zurückgekehrte Namensstreit eine alte Erkenntnis: Jedes Wort trägt eine Welt.

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