Wolken wie Engelchen

von Alexander Kissler27.07.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Eine Irin stürmt die Charts: Cecilia Ahern schreibt, was junge Frauen offenbar sehr gern lesen. Auch ihr neuer Erfolgsroman funktioniert, weil er ein Verschiebebahnhof der Konventionen ist und weil er den Raum der Gründe hinter sich lässt.

In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher, und nur wenige herrschen so dauerhaft wie die Tochter eines ehemaligen irischen Ministerpräsidenten, Cecelia Ahern. Die junge Frau ist noch keine 30 Jahre alt, doch ihre Regentschaft währt schon das siebte Jahr. Nichts spricht dafür, dass es ein verflixtes werden könnte. Wie das Debüt von 2004, “P.S. Ich liebe Dich”, hat sich auch die 2010er Novität “Ich schreib dir morgen wieder” in der Top 5 der hiesigen Verkaufsbestenliste festgekrallt. Man erkennt in jeder noch so kleinen Bücherstube die neue Ahern von Weitem. Himmelblau ist der Umschlag, rosa die Autorenzeile, weiß und in stilisierter Handschrift der Titel. So hält man es traditionell. Die Corporate Identity funktioniert. Sie verheißt jedes Mal aufs Neue einen Großmädchentraum (rosa), eine Portion Romantik, weit wie das Firmament (blau), und eine herzliche, frohgemute, rundherum unschuldige Offenheit (weiß). Offensichtlich wurde diese Verheißung stets erfüllt, Zahlen lügen nicht. Ahern liefert die sprichwörtlich leichte Lektüre für ein junges, weibliches Publikum, auf das herabzusehen mir nicht gelingen will.

Bestseller sind Verschiebebahnhöfe für literarische Motive

Funktionieren kann die reizende Serienproduktion, weil sie Bilder hervorruft, die andere einmal beschrieben haben. Wie die allermeisten Bestseller steht “Ich schreib dir morgen wieder” auf einem Berg, zu dessen Wachstum der Erfolgsschriftsteller oder die Meisterin der Unterhaltung nichts beitragen, nichts beitragen müssen, nichts beitragen können. Bestseller sind Verschiebebahnhöfe für literarische Motive, die sie antippen. Sie zehren von der Arbeit am Wort, die zu ganz anderen Zeiten in ganz anderen Kontexten geleistet worden ist. Anders ist der charmante Unsinn mancher Sätze nicht zu erklären. Cecelia Ahern schreibt: “Im Schloss war es so still, dass die Wolken, rund und weiß wie Engelchen, mit mindestens hundert Stundenkilometern über den Himmel zu sausen schienen.” Solche Sätze entstehen, wenn Epochen und Topoi, die gerade noch im allgemeinen Bewusstsein herumschwirren, zerteilt, entkernt, verhackstückt werden. Engel also, diese klassischen Chiffren für das Nichtrationale, werden verkleinert und verniedlicht, werden zu Engelchen, damit sie näherrücken an den Menschen, putziger noch erscheinen. Rund und weiß müssen sie sein, denn das Dicke deutet auf Gemütlichkeit, das Weiße greift die bekannte Ikonografie der Flügel auf – und bekannt hat hier alles zu wirken. Zudem sind die pumperlgsunden Engelchen die erdachte Referenzgröße für tatsächliche Natur, für Wolken, die so einen abermals restlos konventionellen Anschein von Geheimnis erhalten. Wirklich geheimnisvoll ist nur der “sodass”-Zusammenhang, den die Erzählerin uns auftischt. Ein Schloss, in dem es natürlich still sein muss und also mysteriös, wie es sich spätestens seit Barbara Cartland gehört, hat hier qua Stillsein Einfluss auf die meteorologischen Verhältnisse. Das Schloss befiehlt über die Natur, indem es genau jenes Maß an innerer Stille an diese abgibt, damit dort draußen die Fluggeschwindigkeit der Wolken zuzunehmen scheint. Stille im Schloss macht Wolken schneller: So lautet der bizarre Nexus, den niemand ernst nehmen kann, ernst nehmen soll. Wer die Abwesenheit von Geräuschen wirklich für den Grund einer Wolkenbewegung hielte, landete im Irrsinn.

Da draußen gibt es Vorgänge, die einander bedingen

Pure Evokation ist auch Aherns Technik, der Hauptfigur Tamara innere Vorgänge zuzuschreiben, die durch äußere Behauptungen beglaubigt werden sollen. Tamara “holte ein paar Mal Luft”, “seufzte und blickte auf”, “atmete tief ein”, ihr “sträubten sich die Nackenhaare”, “eine Augenbraue spöttisch hochgezogen”. Jede Wette: Mädchen, sind sie allein, machen all das nicht; junge Männer, alte Frauen übrigens auch nicht. Man liest aber immer wieder, Nackenhaare sträubten sich, Augenbrauen wanderten aus Spottlust nach oben, permanent wird laut eingeatmet. Floskeln sind diese Etiketten, fehlt ihnen jede psychologische Einbettung, jede Arbeit am Gedanken, die hier natürlich programmatisch nicht stattfinden darf. Natürlich mag “Ich schreib dir morgen wieder” lesen, wer mag. Destruktivere Beschäftigung gibt es zuhauf. Wer seinen Lesehunger aber nur durch Produkte vom Verschiebebahnhof stillt, der sollte bedenken: Da draußen gibt es Vorgänge, die einander bedingen, da sind eben doch die allermeisten Handlungen und Ansichten durch Gründe verbunden. Im Leben ist der Auszug aus dem Raum der Gründe, wie er Triumphe feiert in der Bestsellerproduktion, lebensgefährlich.

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