Christian Wulffs kleine Fetzenkunde

Alexander Kissler5.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Das neue Bundespräsidentenpaar erfreut sich großer Beliebtheit. Dazu trägt die “First Lady” ebenso bei wie der Charme der Patchwork-Familie. Der Begriff, der nun in aller Munde ist, hat jedoch eine zweischneidige Bedeutung: kein Patchwork ohne Reste, keine Mischfamilie ohne Narben.

Der Centunculus war ein ehrenwertes Kleidungsstück. Er zierte das römische Männerbein, wenn selbiges auf den Brettern, die die Welt bedeuten, umherstolzierte und Schwänke zum Besten gab. Dem Centunculus gereichte es zum Vorteil, dass er aus Flicken zusammengesetzt war. Kein anderer Rock war ähnlich bunt, ähnlich charakteristisch. Keiner glich dem anderen. Die Mischung machte es.

Wer will schon ein Fetzen sein?

Heute, gut 2000 Jahre später, nennt man die Kunst, alten Resten eine Chance zu geben, Patchwork. Ähnlich klingt und Ähnliches meint das Pasticcio, die Pastete, in die man hineinrührt, was keinen Namen mehr trägt. Ein Pasticcio kann eine Flickoper sein, für die ein gestresster Komponist Gassenhauer neu zusammenleimt. Immer also handelt es sich bei jenem Phänomen, das nun bundespräsidiale Weihen erhielt, um Flickwerk, um Fetzenkunde. Die Wulffs, lesen wir allüberall, seien eine Patchwork-Familie. Das Land, das sie repräsentieren sollen, lesen wir weiterhin, freue sich darüber. Jetzt halte ein junges, ein liberales Gesellschafts- und Familienbild Einzug auf Schloss Bellevue. Der Begriff für diesen Gestaltwandel ist gleichwohl von einiger Delikatesse. Man schlage nur nach in “Gilde aktuell”, der Mitgliederzeitschrift der “Patchwork-Gilde” mit dem Schwerpunktthema “Quilts – von Männern genäht”; man mache sich auf zu den “Patchwork-Tagen”, die 2011 in Rüdesheim stattfinden werden; man greife zu Schnittmuster “Turtle Travels” oder “Hearts and Flowers” und lege selbst Hand an: Stets wird vorliegendes, ganz unterschiedliches Material zerschnitten und aneinander genäht. Wäre man ein solcher Ausgangsstoff, es täte einem gewiss weh. Wer will schon ein Fetzen sein? Christian Wulffs fünfköpfige Familie besteht aus ihm, der jetzigen Gemahlin Bettina, dem gemeinsamen zweijährigen Sohn Linus Florian, dem sechsjährigen Leander aus der vorherigen Ehe der Gemahlin mit Torsten A. und aus der 17-jährigen Annalena, deren Eltern Christian und Christiane Wulff heißen. Deren Ehe wiederum währte 18 Jahre, ehe im März 2008 Bettina Körner im siebten Monat ihrer Schwangerschaft den gerade frisch wiedergewählten niedersächsischen Ministerpräsidenten heiratete. Bettina Wulff ist 13 Jahre jünger als Christian Wulff und trägt ein “Tribal”-Tattoo auf dem rechten Oberarm. Außerdem gilt: “Sportkleider, Business-Kostüm, alles steht der hochgewachsenen Blondine gut.” Christiane Wulff ist nur ein Jahr jünger als Christian Wulff. Sie trug gerne “Jeans, blaues Hemd und – als einziges modisches Accessoire – ziemlich spitze Pumps”.

Trennung und Neuschnitt als Fetzenmacherei und Fadenwerk

All das entnehme ich den Blättern, die seit je das diskrete Interesse des Politikers Wulff an öffentlicher Lebensweise zu bebildern wussten. Wenn es sich tatsächlich so verhält, wie die Fama geht, dann waren Trennung und Neuschnitt, Fetzenmacherei und Fadenwerk der angemessene Preis für eine Runderneuerung, einen geglückten Imagetransfer. Ja, natürlich, wie es ebenfalls heißt, “wir können nicht hineinschauen” in die Menschen, können Not nicht von Nötigung, Untreue von Lieblosigkeit, nicht innere Qual und äußeren Jubel scheiden. Verkauft aber wird uns das Auseinanderreißen, Zuschneiden, Neufassen als mitreißende Erfolgsgeschichte. Bei jedem Patchwork bleiben Reste zurück. Sie fallen unter den Tisch. Sollte es bei den außergewöhnlichen Patchwork-Familien anders sein? Narben sind ihr Erkennungsmal, ein Scheitern stand am Anfang. Am Wegesrand bleibt der erste, der in der Regel ältere Partner, bleiben vielleicht auch Kinder. Die Sonne scheint dem “jungen Glück”, Nostalgie heißt der Trost für wund gescheuerte Herzen. Wird man davon je hören?

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