Das bin nicht ich

von Alexander Kissler29.06.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Der Bundesgerichtshof hat klargestellt: Der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen ist statthaft, wenn er sich auf den Willen des Patienten berufen kann. Damit, so heißt es, sei die Selbstbestimmung gestärkt worden. Die Freude über das Urteil übersieht jedoch: Das hohe Gut der Selbstbestimmung ist manchmal nur eine Matrjoschka, in der sich Unfreiheit verbirgt. Ein wirklich guter Tod wäre ein Tod in Geborgenheit.

In der zurückliegenden Woche schien es für einen kurzen Augenblick, als sei die Republik in ihrem Innersten geeint. Was kein politischer Entscheid und sonst höchstens ein Titel bei einer Fußballmeisterschaft hätte vollbringen können, war dem Bundesgerichtshof gelungen. So schien es. Allüberall stand zu lesen, von rechts und von links und aus der Mitte scholl es dem Bürger froh entgegen: Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben sei gestärkt worden. Der Bundesgerichtshof hatte zuvor entschieden, dass der Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen zulässig ist, sobald ein solcher Abbruch dem vorliegenden oder mutmaßlichen Willen des Patienten entspricht. Das Stadium der Erkrankung ist unerheblich, der Sterbeprozess muss nicht unumkehrbar eingetreten sein.

Fremdbestimmung

Die allgemeine Deutung des Urteils enthält zwei nicht unproblematische Grundannahmen. Zum einen stellt sich die Frage, inwieweit das hohe Ideal der Selbstbestimmung, fasst man es in detaillierte rechtliche Bestimmungen, verwirklicht oder eher überdehnt wird. Zum anderen ist es keineswegs ausgemacht, dass der Wille des Einzelnen in der konkreten katastrophalen Situation immer identisch ist mit jenem, den er zuvor geäußert hat – oder gar nur geäußert haben soll. Im vorliegenden Fall, da die Tochter für die moribunde Mutter dolmetschte, mag ein solcher Verdacht abwegig sein. Wie aber verhält es sich mit dem mutmaßlichen Willen, der aus einer aufgeregten Verwandtenschar in die Intensivstation gekabelt wird? Welche bindenden Kräfte darf ein Satz der Form “Sie hat uns immer gesagt, sie wolle nicht künstlich am Leben erhalten werden“ entfalten? Welche Handlungen darf er legitimieren in einem Umfeld, in dem jeder sterbenskranke Patient auch eine Kostenstelle ist? Ins noch Grundsätzlichere führt die erste Frage: Wird das Leben des Menschen automatisch desto menschlicher, desto lebenswerter, desto glücklicher, je mehr es in selbstbestimmten Bahnen verläuft? Bis tief hinein ins 17. Jahrhundert war Selbstbestimmung in einem praktischen Sinne fast undenkbar – zumindest in der Breite. Die Felder wirklich freier Entscheidung waren eng bemessen. Fürst und Gott und Hierarchie sorgten für ein stabiles soziales wie mentales Gerüst. Dennoch empfanden die Menschen, nach allem, was wir wissen, sich nicht durchweg in Fesseln. Das Konzept der Selbstbestimmung war nämlich seinerseits Ausdruck einer gewaltigen Krise. Damit es gedacht werden konnte, musste erst etwas zerbersten, etwas brachial auseinanderfallen: ich und Welt. Ein Ich, das sich selbst bestimmen, selbst behaupten will, muss zunächst die Welt als eine feindliche erfahren haben. Es muss sich umgeschaut und empfunden haben: Das alles da draußen bin ich nicht, da sind Kräfte am Werk, die mich nicht bergen, sondern entstellen, mich fremdbestimmen. Ein Zurück kann es nicht geben. Stände haben heute ihren Platz auf Rummelplätzen, für Fürst und Gott zöge hierzulande gottlob niemand in den Krieg. Und dennoch spüren wir, dass die Selbstbestimmung zuweilen eine Matrjoschka ist, in der sich vielerlei Formen von Fremdbestimmung verbergen. “Ich zieh mein Ding durch“, “Mir redet keiner rein“, “Hier kann ich sein, wie ich will“: So redet es aus den sozial auffälligen Existenzen am Rande unserer Gesellschaft, die Selbstbestimmung mit A- und Antisozialität verwechseln. Oft verbirgt sich im Ruf nach Selbstbestimmung ein unfassbar trauriges Misstrauen. Man traut keinem Menschen, man will keine Gesellschaft und biegt einen aggressiven Egoismus zur Freiheitserfahrung um.

Tod in Geborgenheit

Seltsam auch: Noch immer heißt es, die schönste Zeit auf Erden sei die Kindheit. Sie aber ist zugleich ein Muster an Fremdbestimmung. Wir sterben zwar, doch wir werden ganz passivisch geboren, man füttert uns, nimmt uns an der Hand, zeigt und verbietet uns Wege. Glücklich heißt dieses Beginnen, wenn es geborgen war. So wäre denn auch ein guter Tod nicht jener, der sich in höchster und immer nur theoretisch greifbarer Selbstbestimmung ereignet. Ein guter Tod wäre ein Tod in Geborgenheit und voller Vortrauen, am Ende aller Einsamkeit. Aus jedem Paragrafenkäfig flöge er gerade so leicht wie von dieser Erde.

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