Angela Merkel und die Welt von gestern

Alexander Kissler15.06.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Seit die Kanzlerin in der Öffentlichkeit als Mutti bezeichnet wird, ist sie angezählt. Der Siegeszug des Etiketts, das Parteifreunde wie -gegner verwenden, zeigt: Wer über die Begriffe herrscht, bestimmt über die Politik. Angela Merkel hat das Begriffsgefecht schon lange verloren.

Alles scheint zu sinken, zu zerfallen, abwärts immer, aufwärts nimmer: Ein Bild des Jammers bietet die Berliner Koalition. Die Presse überbietet sich in Abrechnungen und Nachrufen, die Meinungsumfragen von gestern sind der Horror von heute. Die rauflustigste Opposition, die der Bundestag je hatte, sitzt auf der Regierungsbank. Man traut sich nichts zu oder höchstens das Schlimmste, man schlägt um sich, in der kindischen Hoffnung, vom Orkan der Ablehnung verschont zu werden. Mittendrin im Tohuwabohu, wüst und wirr, Finsternis allüberall, sitzt die Kanzlerin. Angela Merkel galt lange als der wohltuend sachliche Gegenentwurf zu ihrem Vorgänger, dem machohaften Selbstdarsteller Gerhard Schröder. Das Moderieren war eine lange entbehrte Kunst und niemand konnte es besser als Merkel. Kein Basta, derbe auf Designmöbel geschleudert, sondern ein konziliant vorgetragenes Ich-sage-aber-auch bahnte sich 2005 den Weg ins Kanzleramt. Das große Teils-teils wurde Handlungsmaxime.

Wer sich solche Etiketten gefallen lassen muss, hat die Macht schon verloren

Als die damalige schwarz-rote Koalition eine ihrer vielen Krisen durchlitt, im Sommer 2006, übermittelte der “stern” einen Satz, der Karriere machte: “Die Mutti ist in die Bütt gegangen.” Zugeschrieben wurde er einem “kritischen Abgeordneten”. Gemeint war, dass die nicht eben entscheidungsfreudige Kanzlerin in einer Fraktionssitzung tatsächlich geredet und entschieden habe. Der spöttische Begriff war damit in der Welt. Zur großen Karriere sollte er zwar erst im Sommer 2009 durchstarten, doch aufzuhalten war der Siegeszug nicht mehr. Merkel galt jetzt als Mutti. Damit war der Grundstein zu ihrem Niedergang gelegt. Im Mai 2007 witzelte die “taz”, das neue Grundsatzprogramm der CDU kulminiere in der Aussage: “Unser Leitbild ist Mutti, die alles zusammenhält und uns vielfältige Möglichkeiten eröffnet, unser Leben auch in Zukunft zu meistern. Unsere Mutti heißt Angela Merkel.” Im April 2008 kolportierte die “Süddeutsche”, Merkel werde “in Berlin-Mitte oft Mutti genannt”, im September desselben Jahres wurde der witzelnde Titel “Wirtschaftspolitikern der Union” zugeordnet. Anfang 2009 kürte die “Zeit” gar “Mutti” zum “Spitznamen der Woche”, nachdem die “Bild am Sonntag” die Kanzlerin damit konfrontiert hatte: “Es gibt Schlimmeres auf der Welt”, lautete Merkels Entgegnung. Guido Westerwelle verwandte gerne das Zweisilbenwort mit dem putzigen “i” am Ende und dem betulichen “u” in der Mitte. Karl-Theodor zu Guttenberg und Martin Lohmann taten es ihm gleich. CDU-Mann Lohmann war es auch, der im Juni 2009 seine Kritik am fehlenden konservativen Markenkern der CDU so illustrierte: “Mutti kritisiert man nicht.” Einen zart misogynen Unterton hat das Prädikat, mit dem vor allem Männer die kinderlose Merkel belegen, zuletzt SPD-Chef Sigmar Gabriel im Bundestag: “Mutti hat in der Waschmaschine den Schongang für Vermögende und für die Klientel der FDP eingelegt, den Schleudergang dagegen für Arbeitslose, Familien und Kommunen.” Die Geschichte vom unaufhaltbaren Aufstieg einer Zuschreibung zeigt: Wer über die Begriffe herrscht, bestimmt über die Politik – und wer sich solche Etiketten gefallen lassen muss, hat die Macht schon verloren. “Es gibt Schlimmeres auf der Welt”? Das stimmt nur in außerpolitischen Kategorien.

Mutti Merkels Geschichte ist rasch zu Ende erzählt

“Mutti” beschwört eine Welt von gestern herauf, eine untergegangene Welt, und also soll das Wort auch Merkel den Untergang bereiten. Mutti an der Waschmaschine, Mutti in der Bütt, Mutti, die sich Kritik am Küchentisch verbittet und doch machtlos ist gegen jedwede Auflehnung: Es ist eine Welt, die sehr nach Gerhart Hauptmann riecht und kaum nach 21. Jahrhundert. Muttis sind Gestalten, die wie Mutter Vockerat in “Einsame Menschen” oder Mutter Wolffen im “Biberpelz” tapfer und tapsig den Anschein erwecken, es ginge in ihrer kleinen Welt alles mit rechten Dingen zu. Sie wissen nicht, was die Stunde geschlagen hat. Mutti Merkels Geschichte ist rasch zu Ende erzählt. Sie ist nicht mehr Handelnde, sondern Getriebene im Begriffsgefecht. Von ihr erwarten Öffentlichkeit, Parteifreunde und Parteigegner jetzt nur noch, dass sie tut, was Muttis Pflichten einmal gewesen sind: den Boden wischen, die Reste aus den Ecken kehren, den Müll runterbringen. Und dann, ein letztes Mal, das Licht ausmachen. Es ist vorbei.

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