Zebra und Elter

Alexander Kissler8.06.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

In der Schweiz soll das Elter die Begriffe Vater und Mutter ersetzen. Auch der Europarat will im Namen der Geschlechtergerechtigkeit die Sprachbenutzer umerziehen. Hinter beiden Projekten verbirgt sich ein Gleichheitswahn, der letzten Endes unmenschlich ist.

Ach, das Leben könnte einfach sein, würden die Menschen es nicht verkomplizieren. Jedes Projekt braucht eine Genehmigung, jeder Vorgang eine Aktennummer, jeder Sinn seinen Wahn. Wo gestern ein Mensch war, erhebt heute der Bürokrat sein Haupt. Wo gestern Freiheit sich entfalten wollte, stiert nun der Tyrann auf den Ruin aller Pläne, für den er selbst sorgte, der Staat. Dabei handele er doch aus lauterer Absicht, wolle er nur das Beste für uns. Doch plötzlich wird alles furchtbar stumpf, anmaßend selbstgerecht und nahe der Idiotie.

“Mutter” und “Vater” gelten als diskriminierend

Bisher galt die Schweiz als Hort der Liberalität. Volksentscheide, eine kleine Regierung und das föderative Prinzip machten die Eidgenossenschaft zum Vorbild direkter Demokratie. Und jetzt das: Die Stadtregierung von Bern, der Gemeinderat, hat einen 22-seitigen Sprachleitfaden verabschiedet. Demnach droht Stadtbediensteten künftig eine Strafe, wenn sie sich im Amt nicht “geschlechtergerecht” ausdrücken. Verboten ist ab sofort “Mannschaft”, erlaubt ist “Team”. Aus dem “Fußgänger-” muss der “Zebrastreifen”, aus dem “Besucher-” der “Gästeparkplatz” werden. Noch härteres Geschütz fährt ein 192-seitiger Ratgeber aus der Bundeskanzlei auf, der für alle Schweizer Staatsmitarbeiter (Pardon: -mitarbeitende) gelten soll: Die “Mutter” gilt demnach im behördlichen Schriftwesen als ebenso diskriminierend wie der “Vater”. Geschlechterselig macht “das Elter”. Treibende Kraft hinter dem Schweizer Sprachengesetz von 2007, das die Grundlage bildet beider Benimmdekrete, war laut Boulevardzeitung “Blick” eine heute 60-jährige sozialistische Politikerin mit Namen Doris Stump. Frau (Pardon: Menschin) Stump ist Nationalrätin und Feministin. Die stattliche Person rechnet es sich hoch an, “bereits 1997 im Nationalrat einen Vorstoß eingereicht” zu haben, “in dem ich eine bessere Institutionalisierung der Genderstudies forderte. Trotzdem besteht in der Schweiz weiterhin großer Nachholbedarf”. Und weil Menschin Stumps Mission an den Ländergrenzen nicht endet, will sie auch Europa beglücken. Im Europarat ist sie Berichterstatterin, also federführend für eine Beschlussvorlage im Ausschuss für Chancengleichheit von Frauen und Männern vom 26. Mai 2010. “Mutter” wird darin als eine Zuschreibung gebrandmarkt, die Frauen erniedrige. Frauen sollten nicht länger “als passive und minderwertige Wesen, Mütter oder Sexualobjekte” dargestellt werden.

Das dialogische Prinzip soll ausgedient haben

Der Europarat ist traditionell eine Spielwiese für Sektierer. Wunderbar lassen sich dort extreme Ideen durchspielen. Seine Erklärungen haben nämlich keinerlei rechtliches Gewicht, und vermutlich findet sich für Stumps Tagträumerei sowieso keine Mehrheit. Bezeichnend sind die Initiative und die beiden Berner Dokumente dennoch. In seinem Drang nach Regulierung wird der Staat uferlos. Jede neue Regel führt ihm Macht und Einfluss zu. Der Staat will herrschen über die Gesellschaft, die eines Tages eine geschlossene wäre. Die Ruhe eines Friedhofs herrschte in ihr, die Tyrannei der guten Meinung. Und was recht, was gut, was sinnvoll sei, beschließt dann der Staat, verkündet also die Exekutive in Machtvollkommenheit. Zweitens ist Sprachpolitik Bewusstseinspolitik. Ein Bewusstsein soll sich bilden, dass Geschlechtergerechtigkeit vor allem eine Tilgung männlicher Ausdrucksformen bedeutet. Das zu Überwindende trägt ein Y-Chromosom. Ihre Tendenz zur Misandrie kann eine solche Umerziehungsphantasie nicht verbergen. Drittens heißt der große schwarze Vogel, den Stumpens Doris füttert, Gleichheitswahn. Ausgedient haben soll das dialogische Prinzip, dem sich alles Leben, alle Menschlichkeit verdankt. “Die Welt ist dem Menschen zwiefältig”, schrieb der große Martin Buber. Von Einfalt träumt, Einfalt praktiziert hingegen die spätmoderne Gender-Elite. Im Narrenkleid webt sie ein Leichenhemd.

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