Gelobt sei das Ich

Alexander Kissler18.05.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München wurde Margot Käßmann frenetisch bejubelt. Warum eigentlich? Ihre Feier des Gefühls und der Subjektivität hat nur geringe geistliche Qualitäten.

Größer hätte der Kontrast nicht sein können: Am vergangenen Donnerstag, an Christi Himmelfahrt, traten fast zur selben Zeit Papst Benedikt XVI. und Margot Käßmann ins Scheinwerferlicht. Nach ihrer erzwungenen Auszeit wegen einer Trunkenheitsfahrt redete die Protestantin auf dem Ökumenischen Kirchentag vor etwa 6.000 Anhängern. Das Oberhaupt der Katholiken predigte in Fatima zu rund 300.000 Gläubigen. Käßmann begann ihre Bibelarbeit mit der Begrüßungsformel “Guten Morgen in München! Es ist schön, hier zu sein”. Sie war gleich bei sich und also bei ihrem Kernthema. Benedikt setzte an mit “Liebe Pilger” und fuhr fort mit einem Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja, den Worten der ersten Lesung. Er sprach also von Gott zu der “Gemeinschaft, die sich so andächtig zu Füßen der Gottesmutter versammelt hat”.

Die Vermehrung der Menschen als Belastung der Erde

Was folgte, ließ die Unterschiede weiter wachsen. Käßmann nahm das Buch Genesis zum Anlass, um über die Lage in Afghanistan und die dort gefallenen “über 1.700 Koalitionssoldaten” zu referieren. Sie präsentierte ein ums andere Mal “mein persönliches Gottesbild”, “mein eindrücklichstes” Erlebnis eines Regenbogens, “meine drei Kinder”, auch “meine Doktorarbeit”. Sie wünschte sich persönlich “weiterhin mehr Fantasie für den Frieden”, und gern verband sie ihren einen mit ihrem anderen Gedanken durch die Scharnierfloskel “finde ich”. Dass jedoch “die Vermehrung der Menschen zur Belastung der Erde” geworden sei, präsentierte sie als Tatsache. Tags darauf missverstand sie deshalb ihr Gastrecht im katholischen Liebfrauendom als Freifahrtsschein für antikatholische Polemik: Die Antibabypille sei ein “Geschenk Gottes” – woraus erhellt: Dieser Gott ist ihr Gott, ist Margot Käßmanns privater Taschengott, ein handlicher Jack in the Box, der das Tun und Reden der heiteren Margot zuverlässig segnet. In der Bibel ist er nicht zu finden. Was wäre biblisch an einem Weltenschöpfer, der die Frauen zum Vorteil männlicher Libido sexuell verfügbar hält, indem er ihnen Hormoncocktails in den Leib wirft, sie einem erhöhten Krankheitsrisiko aussetzt und obendrein die Umwelt durch Giftausscheidung belastet? Vermutlich ist es auch Margot Käßmanns Privatgottheit, ist es Käßmann selbst, die sich ebenfalls an Christi Himmelfahrt den Satz eingab: “Ich mag diesen Begriff ‚Fantasie‘.” Fantasie solle man, wie weiland Dorothee Sölle, sagen, wenn die Bibel von Gehorsam redet. Fantasie trage “etwas von der Freiheit eines Christenmenschen” in sich. Und wohl dieselbe Instanz, dieselbe gefühlige, im geborgten Kleid der Demut triumphalistisch sich spreizende Ichbezogenheit sprach mit Käßmanns Zunge die Worte aus: Kirche müsse ein Ort sein, an dem gleichgeschlechtlich Liebende “angstfrei” leben und so eine “Tischgemeinschaft” ohne Grenzen entstehe: Kirche als sexualtherapeutischer Imbisswagen?

Käßmann, die Meisterin des Gefühlswirrwarrs

Mir fehlt die Fantasie, um mir das Missing Link vorzustellen zwischen dem Käßmannschen Ich-Gott und der doch wohl Gehorsam (und Demut) fordernden Botschaft Jesu Christi. Mir fehlt die Einsicht in die Motive der 6.000 Jubelchristen, die in München der Meisterin des Gefühlswirrwarrs huldigten. In Fatima, so viel habe ich verstanden, war Stellvertretung, nicht Egozentrik das Kernthema: Nur “Buße, Gebet, Vergebung, die auf die Bekehrung des Herzens zielen” sind laut Benedikt “der Weg, um die Zivilisation der Liebe aufzubauen”. Im Ziel mag Käßmann übereinstimmen. In den Methoden aber, der Geisteshaltung, der Rhetorik, dem intellektuellen wie moralischen Anspruch liegen Welten dazwischen. Dass dieser Abgrund am Ökumenischen Kirchentag offenbar wurde, trägt zur Scheidung der Geister bei und ist darum sehr zu begrüßen. Wie sagte doch der Pontifex in seiner Ansprache an die portugiesischen Kulturschaffenden? In der gegenwärtigen “Krise der Wahrheit” müsse die Kirche “die Suche nach der Wahrheit und folglich nach Gott wachhalten” und “die Menschen dahin bringen, über die vorletzten Dinge hinauszublicken und nach den letzten zu suchen”. Dies geschehe, wenn das Leben dank der Mensch gewordenen Wahrheit zum “Ort des Schönen” werde. Einen Imbisswagen und fantasievolle Gottesbilder braucht es da nicht.

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