Sport-Sex in der Umkleidekabine

Alexander Kissler11.05.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Seit einem Jahr bewirbt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Liebesorte. Längst ist aus der Kampagne für Safer Sex ein Ärgernis geworden. Die unübersehbaren Plakate verschandeln die Bahnhöfe und Städte, und sie propagieren Sex als unpersönlichen Leistungssport.

Deutsche Jugend, hör auf den Bundesgesundheitsminister. Zieh dich zurück aufs plüschige Bordellbett und die klebrige Kunstlederrückbank, in die kitschige Gartenlaube und die hart umstellte Umkleidekabine, und dann tu bitte, worum dich der nette Herr Rösler bittet: Lebe deine Fantasien aus, gib Gas, fackel nicht lange, trainiere hart. Besonders schön ist nämlich der Beischlaf und national wertvoll, wird er mit Gummiüberzug an ausgefallenen Locations vollzogen. Seit nunmehr einem Jahr pflastert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, für Volksgesundheit also, ganz Deutschland mit 65.000 Plakaten zum Thema “Liebesorte”. Die Fachbehörde im Gesundheitsministerium kann auf Steuergelder, auf kostenlose Plakatflächen dank des Fachverbands Außenwerbung und auf die millionenschwere Unterstützung durch den Verband der privaten Krankenversicherung zählen. Ohne eine solche konzertierte Aktion wäre die flächendeckende Verschandelung der Bahnhöfe, Haltestellen und Ausfallstraßen nicht möglich. Allüberall blickt man seit Mai 2009 auf menschenleere Dessousabwurfstellen. Wüst durcheinander kündet die Unterwäsche von stattgehabtem Sex in meist schmuddeliger Umgebung und preist selbigen monoton: “mach’s mit”.

Das horizontale Gewerbe sieht’s mit Wohlgefallen

Ästhetisch ist der Fall klar: Die knappen Verhaltensbefehle im Kommandoton, stets in Opposition gesetzt zum nicht erlaubten Motto “Aids riskieren”, locken mit den Wonnen der Gewöhnlichkeit. Jede juvenile Sexualpraxis wird optisch als Norm gesetzt, und jung sein bedeutet hier sexuell hochaktiv sein (zu müssen). Alles geht, ja mehr noch, alles muss mal sein, nur “Aids riskieren” ist nicht drin. Normal, wünschenswert und gut sei der Blick auf zweckentfremdete Rücksitze, wo die staatliche Direktive “Gas geben” lautet, oder auf die sehr dunkelrote Prostitutionsunterlage, wo das entsprechende Fachpersonal mit der jungen Zielgruppe “Fantasien ausleben” soll. Das horizontale Gewerbe sieht’s mit Wohlgefallen. Ein Anzeigenmotiv erweitert das gebotene Mitmachen zum offenbar intellektuell gedachten Sinnenrausch. “Horizont erweitern” fordert die Überschrift über einer grauenhaft hässlichen Doppelsitzercouch im Farbton weit fortgeschrittenen Zahnbelags. Sie kam, warum auch immer, auf einem Hochhausdach zum Stehen. Knapp neben dem Schornstein und unmittelbar vor dem Abgrund wurde das Sofa parkiert und dort übersät mit der üblichen, hier ganz in Grau und Weiß gehaltenen Schmutzwäsche: ein Fall eher für Else Kling von der “Lindenstraße” als für Erika Berger.

Auf den einzelnen Menschen kommt es nicht an

Tagein, tagaus brennen solche und ähnliche Fotos sich in das Alltagsbewusstsein der Zeitschriftenkäufer und Zeitungsleser, der Pendler und der Fernreisenden, der Erwachsenen und auch der Kinder, entkommen ist unmöglich. Sie zeigen in grotesker Aufgeblasenheit die Spuren mehrheitlich wohl als Quickie zu bezeichnenden Sexualsports, bar allen Raffinements, aller Erotik, aller Personalität. Menschenleer sind die Bilder, weil es auf den einzelnen Menschen nicht ankommt. Der hormonelle Kurzstreckenlauf wird so staatlich propagiert. Das Gesundheitsministerium reduziert das Spiel der Geschlechter auf den umweglosen, raschen Verkehr, dessen lüsterne Besonderheit einzig die wechselnden, von Mal zu Mal skurriler sich gebärdenden, stets von Enttarnung bedrohten Kopulationsorte ausmachen. Vermutlich deshalb fühlen die peinlichen Plakate sich am wohlsten, wo die Verkehrsmittel einander jagen.

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