Bayern München und der Totaltriumph

von Alexander Kissler4.05.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Fußballsaison 2009/10 neigt sich dem Ende zu. Bayern München könnte zum Krösus aller Klassen werden. Die Spielzeit hat gezeigt: Erfolg ist zwar nicht planbar, aber das Ergebnis einer nachhaltigen Planung. Und nur Begeisterung und Überzeugung sorgen für Autorität.

Meister ist der FC Bayern München soeben geworden. Womöglich wird er auch noch DFB-Pokalsieger und Gewinner der UEFA Champions League. Es wäre der Totaltriumph für Mijnheer van Gaal und seinen Arbeitgeber. Der FCB könnte sich dann erfolgreichster europäischer Fußballverein der Saison 2009/10 nennen. Was sonst wird von dieser trotz finaler bajuwarischer Dominanz so ungemein spannenden Spielzeit in Erinnerung bleiben?

Van Gaal ist eine Autorität

Der Schlüssel zum Erfolg liegt offenbar in der Menschenführung und in der Fähigkeit, Minderleister rechtzeitig zu identifizieren. Nachhaltig dominant zu sein bedeutet 2010 zu allererst, Autorität aufzubauen und zu verstetigen, und Autorität stellt sich wiederum nur ein, wenn man begeistert ist und überzeugt von dem, was man tut. Van Gaal hielt an der Abstufung der Nationalkicker Gomez und Klose auch dann fest, als im Herbst des Jahres 2009 zähe Spiele und mediokre Ergebnisse seinen Rauswurf wahrscheinlich werden ließen. Er setzte unverdrossen auf einen Emporkömmling aus der zweiten Mannschaft, Thomas Müller mit Namen, und den kroatischen Wadenbeißer Ivica Olic, einen Hamburger Import. Genau diese beiden Überraschungsgäste schossen den FCB zu den Triumphen: Drei Olic-Treffer in Lyon sorgten für den Finaleinzug in der Champions League, drei Müller-Tore gegen Bochum bedeuteten die Bundesligameisterschale. Dass die Bankdrücker Gomez und Klose ebenso wie der ehemalige Torjäger Podolski die deutschen Fahnen bei der WM vertreten sollen, spricht eher für ein südafrikanisches Vorrundenaus als für das Halbfinale. Joachim Löw verkörpert die starrköpfige Rückseite der Autorität. Gescheitert an der Unfähigkeit, Überzeugungen zu vermitteln und Leistungsträger auszumachen, ist Hertha BSC Berlin. Die beiden Torgaranten Woronin und Pantelic ließ man ziehen, das Prinzip Hoffnung sollte es richten. Auch als selbiges um den ebenfalls ehemaligen Torjäger Gekas ergänzt wurde, blieben die Probleme bestehen: keine Hierarchie, keine Souveränität, keine Tore. Selten war ein Abstieg konsequenter. In der Zweiten Liga könnten die Berliner sich vom Gau der Fehleinschätzungen kurieren. Schwer genug wird es werden, in den Duellen mit Union Berlin die Nummer eins der Hauptstadt zu bleiben. Gescheitert am Missverhältnis von Anspruch und Kompetenz ist auch der Hamburger SV. Präsident Hoffmann hat die Lernfähigkeit des Trainernovizen Labbadia ebenso falsch eingeschätzt wie die Nebenfolgen des Abschieds von Sportdirektor Beiersdorfer. Labbadia musste beides tun, und er wäre vermutlich schon mit einer der Aufgaben überfordert gewesen: einen Kader zusammenstellen und eine Elf formieren. Der Gemeinschaftsgeist verflüchtigte sich ebenso schnell wie das fußballerische Können. Selbst technisch überragende Einzelkämpfer wie Petric, Trochowski, Elia, van Nistelrooj stolperten von Pleite zu Pleite. Labbadias Taktik blieb Stückwerk, weil die Person Labbadia offenbar keine Überzeugung nach innen ausstrahlte. Er lehrte und dozierte, dosierte aber das Feuer nicht, das allein den elffachen Eigensinn zur Elf umschmilzt.

Allzu viel Extravaganz schadet

Vielleicht aber werden statt der Lektionen in der Kunst zu führen zwei Sexaffären in Erinnerung bleiben. Ein Schiedsrichterfunktionär und ein Schiedsrichter tauschten Zärtlichkeiten aus, woraus ein Fall für die Gerichte wurde, weil homosexuelle Neigung und berufliches Fortkommen offenbar verquickt waren. Franck Ribery wiederum, der aus Liebe zur Gemahlin zum Islam konvertierte französische Nationalspieler, ließ sich eine Prostituierte nach München einfliegen, während die Ehefrau die gemeinsamen Kinder hütete. Seiner Leistung bekam der Treuebruch nicht. Er muss froh sein, wenn der FCB den Vertrag mit ihm verlängert. Der Fußball mag ein eigener Kosmos sein, ganz eigene Regeln aber hat er nicht. Auf Dauer reüssieren jene Zweckgemeinschaften, die nach innen transparent und nach außen mit der berühmten einen Stimme agieren. Allzu viel Extravaganz schadet dies- wie jenseits des Fußballs. Am Umgang mit der zweiten Reihe, den Wasserträgern und Zurückgestuften, entscheidet sich der Erfolg, der aber wiederum ausbleibt, wenn der Kreativität kein Platz zugewiesen wird. Insofern ist Erfolg zwar nicht planbar, aber eben doch das Ergebnis einer nachhaltigen Planung. Der Politik steht diese Lektion noch bevor.

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