Geschlecht und Perversion

Alexander Kissler26.04.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Eine repräsentative Studie zeigt: Tabuverletzungen in den Medien werden von der Jugend zunehmend akzeptiert. Gewaltig aber sind die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen.

Es gibt ihn also doch, den “kleinen Unterschied“. Er ist weit größer als gedacht, Fernsehen und Internet machen ihn drastisch offenbar, verstärken ihn womöglich: Eine soeben vorgestellte repräsentative Studie der “ZDF-Medienforschung“ beziffert die Einstellung der Jugendlichen zu Tabubrüchen, mit denen sie in den Medien konfrontiert werden. Enorm unterschiedlich nehmen demnach männliche und weibliche Jugendliche Gewalt, Rassismus, Erniedrigung auf Bildschirm oder Monitor wahr. Befragt wurden 800 junge Menschen zwischen 16 und 39 Jahren. Ein Fazit lautet, “gerade bei den jungen Männern“ sei “eine Enttabuisierung im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen oder Älteren festzustellen“. Männliche Zuschauer oder Mitspieler wirft so leicht keine Perversion aus der Bahn – zumindest äußerten sie sich so gegenüber dem Marktforschungsinstitut “mindline media“. Mädchen, heißt es in der Studie, “kennen zwar auch tabuverletzende Inhalte in den Medien, schützen sich jedoch davor, indem sie sich verweigern. ‘Entziehen‘ ist für Mädchen sozial erlaubt“. Jungen gefallen sich weit eher in der Haltung des coolen, abgebrühten Gewaltkonsumenten. “‘Sich entziehen‘ ist für sie sozial nicht erlaubt.“

Junge Männer sind gegen Tabus im Web

Konkret gaben 36 Prozent der 16- bis 20-jährigen Jungmänner an, pornografische Inhalte im Internet zu kennen, aber nur zehn Prozent der gleichaltrigen weiblichen Befragten. Bei rassistischen Inhalten lauten die vergleichenden Zahlen 32 versus 13 Prozent, bei der Nutzung gewaltorientierter Spiele gar 59 versus 9 Prozent. Fast jeder vierte junge Mann ist der Auffassung, im Internet sollte nichts verboten sein, aber nur jede zehnte junge Frau. Sage und schreibe 21 Prozent der männlichen Nachgeborenen finden es gut, dass es im Internet überhaupt keine Tabus mehr gibt, neun Prozent hingegen der weiblichen Jugend. Bemerkenswert sind auch die Kriterien für das absolut Inakzeptable. Aus Sicht der Jugendlichen sei eine medial vorgeführte Verletzung nicht schlimm, wenn “man denjenigen nicht kennt, die Gewalt gespielt ist und jemand freiwillig mitmacht. Dabei definieren die Mädchen die nicht zu überschreitenden Grenzen wesentlich enger als Jungen“.

Fundamentale Widersprüche zur Gender-Forschung

Überträgt man den Befund auf die Lebenswelt, dann gilt Zivilcourage nur für Nahestehende, dann wiegt der Schmerz, den Fremde erleiden, geringer als das Leid, das Bekannten zugefügt wird, dann bietet auch die Inszenierung, der tatsächliche oder vermeintliche Schein der Erniedrigung ein Schutzschild vor moralischer Überlegung und praktischer Intervention: Demütigungen sind o.k., wenn der Gedemütigte einwilligt. Qual ist quälend nur im Real-Life-Modus. Die Resultate kratzen am Lack der Gender-Forschung. Prinzipiell und fundamental, nicht nur graduell unterscheiden sich demnach die Geschlechter schon im minderjährigen Alter. Die Studie “Medien und Tabus“ zeigt aber vor allem, dass Grenzverletzungen breit akzeptiert werden, sofern der flächendeckende Zugang zu ihnen sichergestellt ist. Was viele konsumieren, trägt vor diesem Hintergrund bereits einen Wert in sich. Was einmal Ware geworden ist, zirkuliert und treibt Blüten und wächst im fortwährenden Austausch. Das Monströse wird handelbar. Ist das Tabu von gestern die Konvention von heute?

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