Die totale Pose

von Alexander Kissler19.04.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Die siebte Auflage von Deutschland sucht den Superstar ist vorbei. Das zynische Format hat sich als Durchlauferhitzer der geldwerten Absonderlichkeiten etabliert. Wie jede Seifenoper ist DSDS auf schnellen Konsum und schnelles Vergessen angelegt.

Der Zynismus und die Absurdität der Veranstaltung wurden in einer einzigen Sekunde offenbar. Kurz zuvor hatte am sehr späten Samstagabend Moderator Marco Schreyl in nicht enden wollenden Wortkaskaden erklärt, nun werde aber wirklich gleich die Nation wissen, wer den “wichtigsten Kampf seines Lebens“ gewonnen und den Titel “Superstar des Jahres 2010“ errungen habe: Mehrzad Marashi oder Menowin Fröhlich, der Mann aus Persien oder der gefühlige Ex-Knacki mit den Sinti-Wurzeln. Von den beiden “Erzfeinden” könne nur einer siegen, nur einem winkten Ruhm und Reichtum: “Ihr lebt beide bislang in eher bescheidenen Verhältnissen. Jetzt aber wird sich das ändern“ – ändern für den Sieger. Dieser nämlich “verdient locker Hunderttausende Euro”. Und wenn “der Sieger sich nicht dumm anstellt, wird er bald für lange Zeit ausgesorgt haben”. Gewonnen hat dann schließlich, hörten wir, mit 56,4 Prozent der stimmlich am Samstag indisponierte, aber wieder einmal rundherum herzige und höfliche Marashi. Der siegesgewisse Fröhlich stierte dumpf ins Leere und konnte nur noch flüstern, hauchen, weinen. Dann folgte die erste, die einzige, die unvermutete Sekunde der Wahrheit. Die RTL-Kamera fing im Zuschauerraum einen tapfer klatschenden Blondling ein. Er gab sich Mühe zu lächeln. Er stand und schlug die Hände monoton aneinander. Ihn sollte man fragen, ob er “locker Hunderttausende Euro” verdient hat, von ihm sollte man erfahren, ob er sich “dumm” angestellt oder “für lange Zeit ausgesorgt” hat, ob er den “wichtigsten Kampf seines Lebens” schon hinter sich und ob er das Gefühl hat, ihn wirklich gewonnen zu haben. Der stumme Sekundengast war nämlich Daniel Schuhmacher, der “Superstar” von 2009.

Alles auf rasches Vergessen angelegt

Man könnte Fröhlich demnach zu seinem zweiten Platz gratulieren und Marashi für seinen Sieg bedauern. Wird der junge Vater im April 2011 an der Stelle des dann vermutlich komplett vergessenen Schuhmachers tranig im Publikum sitzen und für einen Augenblick gequälte Miene machen zum bitteren Spiel? Den Witz abgeben vom vergangenen Jahr? Wir wissen es nicht, doch auf Nachhaltigkeit war “Deutschland sucht den Superstar” noch nie angelegt. Das Karaoke-Wettsingen ähnelt jährlich wiederkehrenden Betriebsfesten, die ebenfalls um Mitternacht mit der Kür der jeweils neuen “Betriebsnudel” und des “Bürohengstes” enden. RTL hat es mittlerweile eingesehen. Die Häufigkeit, mit der Moderator Schreyl vom “Titel” dieses und nur dieses Jahres sprach, deutet in die Richtung. Andererseits agierte das Triumvirat der Jury bei der siebten Staffel marktschreierischer und realitätsferner denn je. Das Gesangsniveau war noch einmal tiefergelegt worden und bewegte sich knapp oberhalb der Asphaltnarbe. Dieter Bohlen war’s egal. Er muss, je näher die Endrunde kommt, desto brachialer loben. Schließlich muss der Sieger mit Bohlens Schnulze durch die Hallen ziehen, die Radiosender tingeln und “Onkel Dieter” die Taschen füllen. Unter dem Superlativ darf der Rechteinhaber es deshalb nicht machen. Das letzte Jahr schmachtete Schuhmacher “Anything but love”, nun trifft es den schmucken Marashi mit der nicht minder einfallslosen Kitschballade “Don’t believe”. Glauben will ich wirklich nicht, dass man sich dieses Liedlein je wird ohne Scham erinnern können. Alles an dieser Soap-Opera namens “Deutschland sucht den Superstar” ist auf raschen Konsum, rasches Vergessen angelegt.

Inszenierte Hahnenkämpfe

Ein Durchlauferhitzer der geldwerten Absonderlichkeiten rast Jahr um Jahr an uns vorbei – mit elefantösem Erfolg, Einschaltquoten im Finale in der Zielgruppe von bis zu 50 Prozent, im Gesamtpublikum von etwa der Hälfte, siebeneinhalb Millionen Menschen. Sie erfreuen sich an den hoch professionell inszenierten Hahnenkämpfen zweier vermeintlicher “Erzfeinde”, am Dramolett vom geläuterten Ex-Sträfling und seinem Antipoden, dem Gentleman und Roger-Cicero-Verschnitt. Die Pseudomoral aber, die Bohlen immer und wieder hinausposaunt, lautet: Wer sich anstrengt (es müsste heißen: wer sich uns unterwirft), der hat auch Erfolg (es müsste heißen: den lassen wir für uns Geld verdienen, bis er quietscht). Darum pries Bohlen auch im falschen Sound des ehrbaren Maklers die “deutschen Tugenden“ des Siegers. Marashi habe “wie so’n Handwerker“ zuverlässig “geliefert”, “er war immer da”, sein “Fleiß” habe den Ausschlag gegeben. Das ist unwahr wie alles hier und also doch ein Hauch von Glamour: Show und Pose auch da, wo dem vermeintlichen Leistungsprinzip gehuldigt wird. Häkchen dran und ab dafür, die nächste Herde scharrt schon mit den Hufen. Weiter, weiter, immer weiter, bis Deutschland ein einig‘ Volk von Superstars wird sein.

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