Auf fremde Rechnung

Alexander Kissler6.04.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Nicht nur die Bundesjustizministerin vertauscht oft die Rollen. Auch Renate Künast und Claudia Roth unterstützen im politischen Tagesgeschäft die Humanistische Union, in deren Beirat sie sitzen. Alle drei Politikerinnen verstoßen damit gegen das Transparenzgebot.

Über die Osterfeiertage ging Renate Künast ihrem Handwerk nach: Sie schalt die katholische Kirche. Diese müsse “dringend ihre Auffassung zum Umgang mit Kindern und Gewalt (…) grundlegend ändern”. Auf nichts ist in diesen unübersichtlichen Zeiten so sehr Verlass wie auf das antikirchliche Gepoltere der Kodderschnauze. Sollte die Berliner Bündnisgrüne einmal schweigen, übernimmt den Part Parteifreundin Claudia Roth. Und beide können darauf vertrauen, dass Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger solche Aversionen mit der Würde des Amtes adelt. Alle drei Frauen gehören schließlich dem Beirat der “Humanistischen Union” an und haben sich als solche “um die Ziele und Zwecke des Vereins besondere Verdienste erworben”. Die “Humanistische Union” (HU) zählt ebenso wie die “Giordano-Bruno-Stiftung” und der “Bund für Geistesfreiheit”, mit denen sie Vortragsabende veranstaltet, zur Speerspitze eines betont religionskritischen Humanismus. Krawall-Atheismus wie bei der Bruno-Stiftung ist zwar nicht ihr Metier. Die HU zieht auch wider den “Überwachungsstaat” zu Felde. Der gemeinsame weltanschauliche Nenner aber ist der Kampf gegen die römisch-katholische Kirche. Sie gilt als Feind der Aufklärung schlechthin, sie soll geschliffen werden.

HU forderte eine klare Position des Vatikans zum Holocaust

Die Klage gegen die bayerischen Konkordatslehrstühle wird von der HU unterstützt. Im Oktober 2008 lobte die HU den neuen Band der dubiosen “Kriminalgeschichte des Christentums” von Deschner; er zeige “Blut und Mord im Zeichen des Kreuzes”. Im Oktober 2009 forderte die HU: “Staatsleistungen an Kirchen streichen!” Ende 2009 kritisierte sie das Berliner Urteil zum Sonntagsschutz als “Fehlleistung”, da es “die christlichen Kirchen privilegiert”. Und im Januar 2009 sollte die Bundesregierung beim Botschafter des Heiligen Stuhles die Aufhebung der Exkommunikation von Richard Williamson offiziell missbilligen. Wahrheitswidrig verlangte die HU, der Vatikan müsse sich “endlich klar und deutlich zugunsten der verfolgten und millionenfach ermordeten Juden positionieren” – als gäbe es entsprechende Dokumente nicht seit mindestens einem halben Jahrhundert. Man muss sie nur lesen wollen. Und dann waren da die Überlegungen der HU anno 1999/2000, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zu entkriminalisieren. Eine Tagung und der Bundesvorstand votierten dafür, der Verbandstag wies die Forderung zurück, mit gerade einmal 15 zu 13 Stimmen. Noch knapper – daran erinnerte jüngst die FAZ – wurde beschlossen, den Link von der HU-Website zum “Pädo-Portal” zu streichen: mit 16 zu 15 Stimmen.

Agenda mit kulturkritischen Polemiken

Wenn Leutheusser-Schnarrenberger am liebsten nur die katholische Kirche auf der Anklagebank sähe; wenn Roth, selbst aus der Kirche ausgetreten, Benedikt XVI. “kompletten Realitätsverlust” unterstellt; wenn Künast eine grundlegend geänderte “Auffassung zum Umgang mit Kindern und Gewalt” einklagt – als wäre irgendein Kirchenvertreter der Auffassung, Gewalt gegen Kinder sei legitim: Dann entstammen diese kulturkämpferischen Polemiken der Agenda der “Humanistischen Union”. Natürlich sind auch irrige Meinungen von der Meinungsfreiheit gedeckt; natürlich muss eine liberale Gesellschaft Polemik gegen wen auch immer aushalten. Es ist aber ein Verstoß gegen das sonst eingeforderte Transparenzgebot, wenn Spitzenpolitikerinnen oder Ministerinnen den Mund öffnen, und dann redet aus ihnen nur die kirchenkritische Beirätin. Mit diesen Schecks auf fremde Rechnung sollte Schluss sein, endlich und dringend und grundlegend.

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