Neue deutsche Sachlichkeit

von Alexander Kissler29.03.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Eine Schülerin aus Hannover wird Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten. Lena Meyer-Landrut verkörpert die Sehnsucht nach dem Unverdorbenen und Ungelenken.

Nun also ist Lena von der Leine: Die 18-jährige Hannoveranerin wird Ende Mai die deutschen Farben beim Eurovisionswettsingen in Oslo vertreten. Ihr Vorname wird von Google automatisch zu “Meyer-Landrut” ergänzt. Heidi Klums erstes Topmodel, Fräulein Gercke, hat das Nachsehen. Lena macht die Top 5 der Single-Charts derzeit fast unter sich aus, steht mit dem Siegerlied “Satellite” auf der Eins, mit der verliebten “Bee” auf der Drei, gefolgt vom selbst getexteten Aufruf “Love me” auf Rang vier. Bei den Top-Downloads sorgen die Lieder gar für einen Hattrick: Lena vor Lena vor Lena. Natürlich kann es sein, dass “unsere” Startnummer 22 in Oslo Schiffbruch erleiden wird. Vielleicht kommt ihr täuschend echt parodierter Cockney-Slang nicht gut an, vielleicht wird man, was hierzulande unverbraucht und authentisch wirkt, europaweit als linkisch brandmarken: ihre Art, die Arme asynchron nach oben zu werfen und rasch fallen zu lassen, ihren Tanzstil, der zwischen einem staksenden Storch und einer flatterigen Libelle schwankt. All das ist möglich und wäre keine Katastrophe.

Überhaupt sind Nachrichten aus dem Privatleben spärlich gesät

Bis dahin aber, bis zum 29. Mai, hat Deutschland Lena fest ins Herz geschlossen. Zu ihr sich zu bekennen fällt leicht, hier ist Konsens kein Nonsens. Warum? Lena ist Abiturientin (Leistungsfächer Biologie und Sport), aber, wie sie selbst sagt, keine Überfliegerin, “eher Mittelfeld”. Ihr Großvater war Botschafter in Moskau und Staatssekretär unter Hans-Dietrich Genscher, sie trägt aber nur sehr dezent zum Image der höheren Tochter bei. Überhaupt sind Nachrichten aus dem Privatleben spärlich gesät – und aus diesem planvollen Zweck gibt es kein Material, das polarisieren könnte, wie es beim Konkurrenzprodukt “Deutschland sucht den Superstar” Pflicht ist. Unter Bohlens gut gegerbter Knute gedeiht nur, wer das ominöse “Gesamtpaket” hat. Singen reicht nicht, die Story des Sängers ist zentral, Schicksal schlägt Stimme. Koksereien wie beim ausgeschlossenen Kandidaten Helmut, Dreifachvaterschaften mit inzestuösem Ruch wie bei Hasso, genannte Menowin, und immer wieder Tränen, Tricks und Unterleib sind die Suppe, nicht das Salz. Aus denselben Zutaten wird jeder “Superstar” gebacken, weshalb die alten vergessen sind, ehe man die neuen kürt: Alles bleibt sich gleich.

Sie singt und tanzt, wie es ihr gefällt

Von prekären Lebensverhältnissen kann bei der feschen Lena nicht die Rede sein. Auch sang sie nicht im Bikini vor. Vor allem aber wirkt sie, trotz gelegentlicher Kraftwortsuada, spektakulär unverdorben. Sie äfft keine lasziven Posen nach, in denen sich Woche für Woche Bohlens traurige Bande ergehen muss. Ja, sie ist auch dann, wenn sie bekannte Hits singt, meilenweit vom Geist des Karaoke entfernt, der bei RTL triumphiert. Sie imitiert keine Bühnenshows ferner Größen, sie kleidet sich nicht nach den Vorgaben des “Bravo”-Starschnitts, sie singt und tanzt, wie es ihr gefällt. So scheint es, denn natürlich können wir auch hier nur vom Schein sprechen, den wir sehen. Ihre Zusage aber, gerne “Freude zu bringen”, das sei doch “etwas sehr Schönes”, nehmen wir ihr ab. Der Satz kommt rasend unspektakulär daher und kann ihr kaum vorgesagt worden sein. Die Plastikkonkurrenz im Nachbarkanal muss davon sprechen, dass man hart und gerne am “Gesamtpaket” arbeite, dass man “alles” tun werde für den “Traum meines Lebens”, dass man jetzt sein “Ding” durchziehe und schon “Schlimmes” erlebt habe. Lena sagt, sie wolle Freude bringen. Auch ein Gegentrend ist ein Trend, und vielleicht beendet die nicht sehr volumenreiche Stimme eine Karriere, ehe sie begann. 18 Jahre ist die Kandidatin jung, sie weiß, “bis 23 ist noch gut, dann geht’s abwärts”. Es spräche nicht gegen das Revival des Unverdorbenen und Ungelenken, sollten wir das Mädchen Lena bis dahin komplett vergessen haben.

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