Das dritte Geschlecht

von Alexander Kissler23.03.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

In Australien wurde ein Mensch offiziell als Neutrum anerkannt. Setzen die androgynen Anarchisten zum Sprung auf den Weltmarkt an?

In den wachsenden Wüsten der Vielfalt gab es bisher eine absolute Grenze, an die man sich halten konnte, das eine schlichte Ja oder Nein. Wählen müssen wir zwischen mehr Mineralwassersorten, als das Jahr Tage hat, mehr Ausstattungsmerkmalen, als der Kleinwagen Schrauben hat. Man kann keinen Schritt gehen, ohne sich entscheiden zu müssen, ob wir diese oder jene oder eine der Aberhundert anderen Möglichkeiten ergreifen. Immer sicher aber konnten wir uns sein, wer da unsere Wege kreuzt, Mann oder Frau. Ein Drittes gab es nicht. Insofern wohnte dem Reigen der Geschlechter trotz aller Unwägbarkeiten etwas ungemein Entlastendes inne. Bisher. Denn nun kennt die Welt Norrie May-Welby, und May-Welby ist, amtlich beglaubigt, ein Es.

In der Zeile “Sex” steht knapp “not specified”

Der 48-jährige australische Mensch ist laut Sydney Morning Herald das weltweit erste Exemplar der Gattung Homo sapiens, das als geschlechtslos anerkannt worden ist. Ein Foto zeigt das Schreiben vom “Register of Births, Deaths and Marriages” des australischen Bundesstaates New South Wales. In der Zeile “Sex” steht knapp “not specified”. Damit habe, so das Blatt, eine Revolution in Sachen Gender stattgefunden. Lächelnd sitzt auf einem weiteren Foto der revolutionäre Mensch im regenbogenbunten Unterhemd, Plakate und eine Gitarre im Rücken, einen Holztisch mit Äpfeln und allerlei Plunder vor sich. Er, der Mensch, verstehe sich selbst als “androgyner Anarchist” – belehrt uns das Informationsportal Telepolis. Norrie kam auf die Welt als Junge, ließ sich die männlichen Geschlechtsorgane aber mit 28 Jahren weg- und die weiblichen hinzuoperieren. Bald darauf – so kann man sich täuschen – erfüllte auch das Frausein nicht Norries Individualitätswünsche. Der Fraumann, die Mannfrau setzte die zur Vollendung des Frauseins notwendigen Hormone ab. Sie/er wolle ein Es bleiben, immer auf der Schwelle. Jedes spezifische Geschlecht führe doch zur Diskriminierung. Das Standesamt ließ sich überzeugen.

Der Geist des Shoppens zieht ein ins Menscheninnere

Mehr als die jüngste Narretei aus dem Tollhaus der Gender-Ideologie ist diese Nachricht. Man kann sie ökonomisch deuten und auf die neuen Absatzmärkte im Zeichen der Krise verweisen. Dankbar werden Unternehmen sich des dritten Geschlechts annehmen. Neue Toilettenräume müssen her, weltweit, neue Kleider, neue Möbel, neue Gerichte und neue Düfte auch. Nun wächst zusammen, was zusammengehört, Feinripp und Slip, Schnitzel und Sushi, Bier und Prosecco, Tabak und Rose. Die Hoheitsgewalt des Ichs über sein Geschlecht markiert andererseits einen logischen Endpunkt. Wo alles Projekt ist, ohne der Fundamente zu bedürfen, wo alles von Fall zu Fall und nichts kategorisch entschieden werden soll, wo niemand sich selbst und anderen mehr Kontinuität schuldet, als in einen Augenblick hineinpasst – da muss die letzte Kränkung fallen: dass einem zufiel, was man ist; dass man wurde, ohne sich zu machen. Der Geist des Shoppens zieht ein ins Menscheninnere. Erwähle dich selbst, ist dessen neue Maxime. Mensch-Tier-Zwitterwesen gibt es bereits seit 2008. Nun setzen auch die androgynen Anarchisten an zum Sprung auf den Weltmarkt. Man wird sie erkennen. Sie erkennen sich nicht.

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