Der Finger im Hals

von Alexander Kissler16.03.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Immer häufiger suchen Kunstwerke den billigen Ekel. Kunst aber langweilt, wenn sie nur am Effekt interessiert ist. Die Kunst muss vor den Etikettenschwindlern geschützt werden.

Wenn es stimmt, dass Kunst ein Spiegel der Zeit ist, dann leben wir in ekligen Zeiten. Die Körpersäfte triumphieren, das Entstellte siegt. In Wien verwandelt man allabendlich bis Mitte April die legendäre “Sezession”, das bedeutendste Monument des österreichischen Jugendstils, in einen Swingerclub. Freier Sex gegen 35 Euro Eintritt für die Herren lautet das Tauschgeschäft. Ein Künstler aus der Schweiz sicherte sich für diese Kopulations-Kooperation die Dienste eines ortsansässigen Etablissements. “Raum für Sexkultur” nennt sich das Resultat. Die Presse ist ab 21 Uhr unerwünscht. Dann beginnt in Museumsräumen der Nahverkehr.

Kunst ist mehr denn je eine Zuschreibung

In Heidelberg wird derzeit ein zwanzigminütiges Video eines wahrlich nicht unbekannten britischen Künstlers gezeigt. Zu sehen sind Menschen, die sich vor weißem Hintergrund übergeben. Die Ausstellungsmacher klären auf: Der Künstler habe “zwölf Bekannte und Freunde zu einem Abendessen in sein Atelier in London eingeladen. Nach dem Essen hat er jeden von ihnen gebeten, einzeln vor einen weißen Hintergrund zu treten, den er im Vorfeld für die Aufnahmen aufgestellt hatte. Die Vorgabe lautete, sich selbst vor laufender Kamera zum Übergeben zu bringen.” Der Künstler nutze so “eine Strategie der Provokation des Betrachters, die spätestens seit den Jahren des Aufbruchs in der Kunst um 1969 ein gängiger Topos ist”. Natürlich gilt noch immer der Satz, dass ein Künstler können muss dürfen, was er tun kann – solange er sich auf legalem Boden bewegt. Kunst ist mehr denn je eine Zuschreibung, ist eine Frage der Rahmung geworden, nicht des Inhalts. Museen fungieren als Indikator. Was in Museen sich abspielt, nennen wir Kunst, und Künstler ist jemand, der von dritter Seite seine Kunstprodukte bezahlt bekommt. Kunst gehorcht ebenso den Marktgesetzen wie die von Künstlern oft kritisierte Warenwelt. Kunst ist selbst eine unter Abertausend Waren, die Galerien und Museen und Theater sind ihre Warenterminbörsen.

Ein kurzes Intermezzo

So war es schon bei der antiken Kunst zum Ruhme des Herrschers oder der Götter. Nur der Geniekult in Sturm und Drang und, verfeinert zum idealen Künstler, in der Romantik wollte ausscheren. Er entdeckte das von keinem Markt, keinem Auftraggeber entstellte Originalgenie als neues Idealbild, in dem Leben und Kunst verschmolzen. Es war ein kurzes Intermezzo. Heute präsentiert die Kunst sich an viel zu vielen Stellen als Arrangeur des Bestehenden oder als Perversionskatalysator. Sie liefert Schmock oder Debilität, Kitsch oder Ekel und nur schlichteste Gedanken. Die radikale Subjektivität, ohne die Kunst nicht auskommt, hat sich gesteigert zur nihilistischen Feier eines immer schon derangierten Ich. Schaut her, ich mache ein Museum zur Triebumschlagsstelle, guckt hin, ich finde den Kunstbetrieb zum Kotzen: An solche Aussagen hängen Künstler anno 2010 ihr Herz. Niemand kann, niemand soll es ihnen verwehren. Wohl aber ist nun das Publikum, das sich auf die klebrige Spur locken lässt, am Zug. Kunst muss sich stärker die Frage gefallen lassen, inwieweit sie um ihr Verhältnis zum Nicht-Subjektiven überhaupt noch besorgt ist – inwieweit sie aus Einfallslosigkeit, Ignoranz oder Zynismus den billigen Schock sucht, der nur langweilt. Kunst kommt nicht nur vom Nicht-anders-Können, sondern auch vom Können, vom Vermögen, das Erfahrene oder Erlittene oder Durchdachte für andere in eine originelle Form übersetzen zu können. Kunst, die nur noch am Etikett erkennbar ist, Kunst, die den anderen aussperrt und sich um die eigene schiefe Achse dreht, sollte man als das benennen, was sie ist: Etikettenschwindel.

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