Was nicht sein darf und dennoch ist

Alexander Kissler7.03.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Schiedsrichterskandal hat DFB-Präsident Theo Zwanziger irreparabel beschädigt. Er wird wohl zurücktreten. Unter seinem Nachfolger braucht das Schiedsrichterwesen eine grundlegende Reform.

Es ist eine Tragödie: Ein junger, sehr begabter Schiedsrichter entwickelt amouröse Gefühle für einen mehr als doppelt so alten einflussreichen Mann, der seine Schiedsrichterkarriere weiter befördern kann. Ebendieser Mann wird von dem jungen Schwärmer dann der sexuellen Belästigung geziehen, woraufhin der Ältere sich selbst bei Johannes B. Kerner als bisexuell und den Jüngeren als homosexuell outet, was dieser immer bestritten hat. Und weil der den beiden Männern übergeordnete Mann, der Präsident des Fußballbundes, bisher stets dem Jungen glaubte und dem Älteren Vorwürfe machte, ist der Präsident untragbar geworden. Er habe “zwei Menschen auf dem Altar seines Amtes ausgeliefert”, sagt der Schiedsrichterfunktionär über den Verbandschef.

“Ich komm’ ohne dich auch nicht klar”

Alle drei stehen vor einem Scherbenhaufen: Die Schiedsrichterkarriere des 27-jährigen Hoffnungsträgers Michael Kempter dürfte beendet sein, der Fußballpräsident Theo Zwanziger wird im Jahr der Fußballweltmeisterschaft seinen Hut nehmen müssen, und der 63-jährige bisexuelle Familienvater Manfred Amerell wird sich Fragen stellen, ob denn auch bei anderen Untergebenen Zuneigung und Protektion derart eng zusammenfielen. In den E-Mails, aus denen Amerell bei Sat.1 zitieren ließ, nennt Kempter ihn seinen “Schatz” und zeichnet mit “Dein dich liebender Michi”. Einmal schrieb er in einer SMS: “Ich komm’ ohne dich auch nicht klar.” Laut Amerell kam es dreimal zwischen ihm und Kempter zu “sexuellen Beziehungen. Ich mochte ihn sehr, sehr gerne. Ich glaube, im Umkehrschluss war es genauso.” Nach dieser TV-Beichte wankt der deutsche Fußball in seinen Grundfesten. Auf dem Spielfeld dilettiert die Elf vor sich hin, das Tischtuch zwischen Joachim Löw und Theo Zwanziger ist zerschnitten, und nun haben auch ein prominenter Schiedsrichter und der Fußballpräsident ihre Glaubwürdigkeit verloren. Zwanziger erschien nach der Ära seines Vorgängers, des muffigen Gerhard Mayer-Vorfelder, lange wie ein Glücksfall. Er nahm die Amateure wieder ernst, er ging auf die Randgruppen zu, er stellte sich der Geschichte des DFB.

Was nicht sein darf, das nicht sein kann

Nun ist er gescheitert an seinem Trotz und seiner Angst vor der Wahrheit. Was nicht sein darf, das nicht sein kann: Nach dieser Devise erklärte er eine Affäre für beendet, ehe sie aufgeklärt war. Dass Zwanziger Amerell laut dessen Aussage erpresst haben soll, von seinem Funktionärsamt zurückzutreten, passt – wenn es denn stimmt – ins katastrophale Bild. Die für überwunden geglaubte Spezialität des Deutschen Fußballbundes, lieber zu vertuschen, als genau hinzuschauen, kehrt zurück. Im Umgang mit der Vergangenheit im Dritten Reich und der Nachkriegszeit hat Zwanziger wie niemand vor ihm genau hingeschaut, hat aufgeklärt, nachgefragt. Im Umgang mit der unappetitlichen Verquickung von Sexualität und Abhängigkeit aber, von Gleichgeschlechtlichkeit und Kameradschaftskult, siegen wieder die geschlossenen Augen. Ein einziger Sündenbock musste her, damit nicht das gesamte Schiedsrichterwesen in den Fokus gerät. Nun kennen wir die Herausforderung für die Zeit nach Zwanziger: Macht muss geteilt, persönliche Loyalität und berufliches Fortkommen müssen getrennt, unabhängige Kontroll- und Beschwerdeinstanzen für Schiedsrichter etabliert werden. Der Fußball stirbt, wenn bei jedem Pfiff der Verdacht mitertönt, hier pfeife jemand, weil er sich zuvor durch körperliche Gefälligkeit den Einsatz verdient habe. Es gibt auch eine sexuelle Korruption.

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