Ausgepanscht

von Alexander Kissler21.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Ein Trend kehrt sich um. Der exzessive Gebrauch pseudoenglischer Werbefloskeln ist vorbei: Warum unsere Sprache von Zeit zu Zeit überholt werden muss, ehe sie überholt ist.

Ein Kuss war des Doofen zu viel: Das im üblichen Angeberenglisch gehaltene Motto, mit dem die Deutsche Bahn AG für einen kostenlosen Fahrradstand warb, trieb erst einen niederbayerischen Staatsbürger, dann dessen Bundestagsabgeordneten und nun auch ein wenig den obersten Bahnchef auf die Palme. “Kiss and ride” war ein Straubinger Zweiradangebot betitelt. Man möge, dachten sich die bahneigenen Werbepraktikanten vermutlich, vor dem Bahnhof glücklich einander einen Abschiedskuss ins Gesicht schmatzen – und schon besteige das eine Turteltäubchen subito das gratis vor dem Bahnhofsgebäude parkierte Fahrrad und mache sich von hinnen. Nimmt der Lippenpartner dann seinerseits den Bus? Geht er per pedes? Oder ergreifen beide ihr jeweiliges “Bike” und “riden” Seit an Seit dem Straubinger Abendrot entgegen?

Der Sprachpflege haftet immer etwas Putziges an

Wir wissen es nicht, wir ahnen es kaum. Wohl aber hat der wackere Staatsbürger Aschenbrenner den kühnen Parlamentarier Hinsken zu einem Brief an den Vorstandsvorsitzenden Grube bewogen. Und dieser schrieb, was seinem Vorgänger Mehdorn nicht in tausend Jahren aus der Feder geflossen wäre – wir erinnern uns: Mehdorn erhielt 2007 sehr zurecht den Titel “Sprachpanscher des Jahres” verliehen ob solcher Schwindelbegriffe wie “Service Point” und “McClean”, vulgo Bedürfnisanstalt. Vorvorgänger Ludewig errang denselben Peinlichkeitspreis des “Vereins Deutsche Sprache” anno 1999 für den “db-Counter”. Grube aber schrieb nun retour nach Straubing, was nottut: Er empfehle “inzwischen ausdrücklich den Verzicht auf Anglizismen”. Der Handzettel werde alsbald den Flyer wieder ablösen, der Schalter den Counter, das “Mietrad-Angebot” den heiseren Ruf “Call a bike”. Der Sprachpflege haftet immer etwas Putziges an. Man denkt sogleich an humorlose Teutonen, die grimmig über ein Reinheitsgebot wachen, das schon im 20. Jahrhundert anachronistisch und davor eine ziemlich chauvinistische Angelegenheit war. Dass das Pendel nun aber in die Gegenrichtung ausschlägt, dass auf die hohle Phrase die klare Ansage folgt, ist ganz unvermischt Grund zur Freude. Die albernen Neuschöpfungen sollten eine Weltläufigkeit vorgaukeln, die den Provinzialismus, dem sie entstammen, nie zu bedecken vermochten.

Verständnis ist oft nicht gewünscht

In sonst keinem Land der Welt nämlich und nirgends im angelsächsischen Sprachraum gibt es den “Kaffee to go” oder die “Hotline”, verstanden als schlichte Nummer für den Kundendienst. Nur in Deutschland verfiel die nationale Luftfahrtgesellschaft auf die Idee, “There’s no better way to fly” zu postulieren, und verkündete ein Schmink- und Duft- und Bücherriese “Come in and find out”. Verständnis war hier allemal Glückssache und gar nicht gewünscht. Dem offenbar für ebenso provinziell eingeschätzten Konsumenten sollte nur auf denkbar billige Weise die Luft der großen weiten Welt eingeblasen werden. Dass der hochstaplerische Trend momentan ausläuft, zeigt zweierlei: In Krisenzeiten können es sich Unternehmer noch seltener als ohnehin leisten, von ihren Kunden nicht oder nur vag verstanden zu werden. Das Abspeisen mit Wortresten rechnet sich nicht. Und zweitens kann es einer Gesellschaft nie schaden, wenn die Begriffe, die sie sich gibt, einschließende und nicht ausgrenzende Wirkung haben. Fremdwörter mögen, wie Adorno hoffte, “ausländischen, womöglich exotischen Mädchen” gleichen und die Ahnung vermitteln einer “besseren Ordnung”. Nötig aber – das wusste der Frankfurter auch – ist der richtige und verantwortliche Gebrauch. Wörter, die überall fremdeln, weil sie nirgends zu Hause sind, die ihr geborgtes Dasein einzig der Bildungsunlust und der Geistverweigerung einiger Gewinnmaximierer verdanken, sind Wunden im Sprachleib. Sie schmerzen, bis sie verschwunden sind.

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