Am Tiefpunkt

von Alexander Kissler14.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Debatte um “Axolotl Roadkill” und die Jungautorin Helene Hegemann zeigt vor allem eins: den Überdruss eines an sich selbst gelangweilten Literaturgroßbetriebs.

Kein Geld der Welt kann mich dazu bringen, ein Buch in die Hand zu nehmen, dessen Fans es solchermaßen loben: “Pervers, kitschig, blutrünstig” sei der Roman, die Heldin eine “sechzehnjährige frühreife, drogensüchtige, sexbesessene Selbstmörderin im Vorbereitungsstadium”, die Sprache “suggestiv wie Sowjetpropaganda”, die Handlung die “Schussfahrt einer ganzen (…) Lost Generation ins tiefe Tal des Gewaltsex, des schlechten Drogen- und Alkoholrauschs, des Horrorfilms-Wahnsinns, der masochistischen Schlaflosigkeit.” So hymnisch, so selbst schon im Rausch pries Maxim Biller das Debüt einer angeblich 17-jährigen angeblichen Berlinerin namens Helene Hegemann. Auch deshalb verdient sich das Buch mein vollendetes Desinteresse, weil die Autorin die Tochter jenes Carl Hegemann sein soll, der als Frank Castorfs Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne einst den geschwurbelten Überbau lieferte für die berühmten “Kartoffelsalat”-Inszenierungen des überschätzten Hausherrn. Immer musste jemand auf Kartoffelsalat ausrutschen, damit das Theater hübsch lebendig wirkte und zum Gähnen frech.

Wie geht es eigentlich der westkaukasischen Beutelratte?

Helene Hegemann also interessiert mich in etwa so sehr, wie mich die Rhythmische Sportgymnastik in Belgien interessiert oder das Schicksal der westkaukasischen Beutelratte. Minderjährige sollen schreiben, bitte sehr, Erwachsene sollen den Schund dann kaufen, bitte sehr, kein Problem. Aus solchen Produkten spricht vor allem der Überdruss eines umfassend an sich selbst gelangweilten Literaturgroßbetriebs. Wie damals bei Castorf die Schauspieler mit Laien, behinderten und nicht behinderten, durchsetzt und mit Kartoffelsalat drangsaliert werden mussten, um dem Leben nachzujapsen: reiner Vampirismus. Und doch müssen wir hier kurz von Helene Hegemann sprechen. Ihr reihum gelobtes Buch mit dem Titel “Axolotl Roadkill” ist offenbar in Teilen eine Collage, die nicht als solche gekennzeichnet ist, ein Medley ohne Herkunftsangaben, also ein Plagiat. Ein Blogger brachte es ans Tageslicht. Helene Hegemann gestand zumindest, sie habe “insgesamt eine Seite, ohne sie groß verändern zu müssen, regelrecht abgeschrieben”. Schön sei das nicht von ihm gewesen, räumte das Kind ein, aber man müsse doch in Rechnung stellen, dass es im Internetzeitalter groß geworden sei und deshalb längst gewöhnt an die “Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”

Wer abschreibt, schreibt nicht

Nein, muss man nicht. Wer abschreibt, schreibt nicht. Wer stiehlt, ist kein Besitzer. Helene Hegemann – oder wer immer das Buch zustande gebracht haben mag – ist (vorerst) keine Autorin, sondern eine Cutterin von Textfragmenten. Sie schneidet und schüttelt und klebt, sie schreibt nicht, schreibt nicht in dem Sinne, in dem das Schreiben verstanden werden muss, damit daraus ein Roman entsteht. Was nicht ist, kann noch werden, gewiss. Einstweilen aber markiert die Aufregung um die großstädtische Lolita einen Tiefpunkt der jüngeren Rezeptionsgeschichte. Vornehmlich mittelalte Männer loben ein Buch in dem Himmel, in dem eine minderjährige Unbekannte sich in pornografischen Fantasien ergeht. Das ist nicht originell, das ist nicht reizvoll, das ist unfassbar traurig: Décadence 2010.

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