Wenn Sido in die Oper geht

Alexander Kissler7.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Im Nationaltheater Mannheim wurde Sido zum singenden Teil eines Opernabends. Die auf den ersten Blick spektakuläre Paarung von Hoch- und Jugendkultur könnte auf lange Sicht beiden schaden.

Der Vogelfänger war er ja nicht. Kein Heißa, kein Hopsassa kam über seine Lippen. Stattdessen sang er wie so oft schon “Halt dein Maul”, das Lied über die Vergeblichkeit, ihm das Kiffen und Saufen aus- und den Umweltschutz einreden zu wollen, das Lied über die “Schlampe” namens Angela Merkel und einen dusseligen Staatsanwalt, der ihn erfolglos verhört: Sido also war in der Stadt. Die Stadt hieß Mannheim, und der Berliner Hip-Hopper mit dem Kleinkriminellenimage wirkte dort in Mozarts “Zauberflöte” mit. Ein Coup sollte es sein. Sido stand im Bühnenbild der “Zauberflöte”, vor ihm und nach ihm sangen Tamino, Pamina, Papageno, und Sido reimte dazwischen: “Sie reden und reden vergeblich. Jeder zeigt mir den Weg, doch ich seh’ nix. Ein Versuch, mich zu bekehr’n, scheitert kläglich. Du kannst mir nicht mehr helfen, also red’ nicht.”

“Wir müssen die Tür für das junge Publikum öffnen”

Das Nationaltheater Mannheim wollte gemeinsam mit einem Radiosender für Jugendliche ebendiese in die Oper locken. Rund ein halbes Tausend kam dann auch, mischte sich unter das bildungsbürgerliche Publikum. Alle gaben sich danach zufrieden. Der Bariton des Hauses erklärte froh: “Wir müssen die Tür für das junge Publikum öffnen. Der Tod der Kunst wäre, nichts Neues zu probieren.” Das Nationaltheater lobte die “erstaunlich konzentrierten” Teenies, man habe mit “mehr Geschrei” gerechnet. Der aus einer anderen musikalischen Galaxie eingeflogenen Hauptperson mit Kapuzenjacke, Sonnenbrille, Turnschuhen gefiel es so gut, dass eine Zugabe gewährt wurde. Die Totenkopfmaske, die Sido einst berühmt und berüchtigt gemacht hatte, blieb komplett im Schrank. Der Lackmustest auf die Nachhaltigkeit aber steht aus: Wird jemanden, der die beliebteste Oper aller Zeiten, den Mainstream der Klassik, als Rahmenprogramm für fette Beats und Pöbellyrik erlebt hat, Mozart pur fesseln? Wird er von Mozart den Schritt wagen zu Verdi, Puccini, Strauss? Wahrscheinlich ist ein solches Erwachen nicht. Und was bleibt umgekehrt in den Herzen und Hirnen des übrigen Publikums haften, dem “seine” Zauberflöte nun als Auslaufgehege für Großstadtgeplärre entgegen trat?

Ein Hip-Hopper, der Pfötchen gibt

Keine symbiotische, sondern eine schmarotzende Beziehung sind hier Oper und Hip-Hop eingegangen. Der jeweils andere sollte beisteuern, was man selbst nicht zu haben meint, Tradition und Jugendkultur. Beide könnten durch die punktuelle Partnerschaft Entscheidendes verlieren: die Oper ihren Willen, das Vergangene als vergangen lebendig zu halten, und der Hip-Hop seinen anarchischen, antibürgerlichen Impetus. Ein Hip-Hopper, der Pfötchen gibt, und eine Oper, die sich Gegenwart hinzukauft, sind gleichermaßen komische Gestalten.

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