Koran, Thora und Bibel

von Alexander Kissler14.09.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Es ist gut, dass am 11. September kein Koran brannte. Bücher zündet man nicht an, Bücher, die anderen heilig sind, schon gar nicht. Weniger gut ist es, dass Ausfälle gegen den Islam verurteilt, solche gegen Judentum und Christentum aber eher toleriert werden.

Wenn Korane zu brennen drohen, ist es ein Fall für die Weltpolitik. Brennt die Bibel, ist es ein Fall für die Lokalpresse. Schändlich ist beides, gefährlich nur das Erstere. Das Taktieren eines christlichen Predigers aus Florida brachte das Ungleichgewicht an den Tag. Pastor Terry Jones hatte angekündigt, am Jahrestag der islamisch motivierten Anschläge vom 11. September 2001 das heilige Buch der Muslime öffentlich zu verbrennen. Der US-amerikanische Präsident, die Außenministerin, der Verteidigungsminister, der Justizminister, der Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, der NATO-Generalsekretär und zahllose weitere Politiker warnten vor dem tatsächlich respektlosen, törichten Akt. Jones ließ sich bekehren. Auch so habe er bereits hinreichend dargelegt, “dass es ein sehr gefährliches und sehr radikales Element des Islam gibt”. Kein Koran brannte am 11. September 2010 in Gainesville. Am 26. September 2009 brannte in Berlin die Bibel, am 18. September 2010 könnte es wieder so weit sein. Wir erinnern uns: Die Bibel ist jenes Buch der Bücher, dessen größerer Teil von Juden für Juden geschrieben worden ist. Die hebräische Bibel umfasst deutlich mehr Seiten als das Neue Testament. Beide zusammen bilden die eine Bibel. Brennt diese, gehen immer genuin jüdische und genuin christliche Seiten zugleich in Flammen auf, wobei der jüdische Anteil überwiegt.

Bücher zündet man nicht an

Anlass für die letztjährige Bibelverbrennung, hörten wir, war der “Marsch für das Leben”. Unter diesem Motto nahmen gut 1000 Christen ihr Recht auf Versammlungsfreiheit wahr und demonstrierten gegen die hohe Zahl an Abtreibungen; sie wollen es dieses Jahr wieder tun. Von der friedlichen Kundgebung fühlten sich knapp halb so viele Befürworter straffreier Abtreibung derart provoziert, dass sie eine brennende Bibel in Richtung der weltanschaulichen Kontrahenten warfen. Laut skandierte man den Spruch “Hätt’ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben.” Ein Plakat warb für “Orgasmus statt Abendmahl”. Außerdem wurden Kreuze, das zentrale Symbol des Christentums, unter Gejohle in die Spree geworfen. Auch in diesem Jahr lädt der “Bundesverband Lebensrecht” nach Berlin zum “Schweigemarsch für das Leben”, um auf “das Unrecht der Tötung von mehr als 110.000 noch nicht geborenen Menschen pro Jahr allein in Deutschland” hinzuweisen. Das Aktionsbündnis “1000 Kreuze in die Spree!” will ebenfalls präsent sein und dem “Marsch der Fundamentalist(inn)en laut und mit vielfältigen Aktionen entgegentreten”. Die Unterstützer, vornehmlich aus dem feministischen Umfeld, plädieren lautstark für das “Recht auf freie Familienplanung und Sexualität für alle, ohne dabei die Freiheiten anderer einzuschränken” und gegen “rigide Sexualmoral”. Bei der Mobilisierungsveranstaltung Anfang September sprach die ehemalige Vorsitzende des Pro-Familia-Bundesverbandes, Gisela Notz, zu den Abtreibungsgegnergegner(inn)en.

Intoleranz ist nie fortschrittlich

Um keinen Deut geringer ist die Intoleranz der Bibelverbrenner und Kreuzewerfer als jene des Predigers aus Gainesville. Beide sind in selbstgerechter Verblendung gefangen. Jede Frau, jeder Mann hat das Recht, für oder wider den Islam, für oder wider das Christentum friedlich zu demonstrieren. Wo man aber die Kernsymbole einer Religion zerstört, ist die Grenze von der Meinung zum Hass, vom Demonstrieren zum Denunzieren überschritten. Nur weil auch unter den Verächtern des Christentums dessen Linke-Wange-rechte-Wange-Moral noch lebendig ist, sollten uns derlei Aktionen nicht weniger beunruhigen. Ob in Gainesville, Berlin oder demnächst in Ihrer Gemeinde: Wo man die Thora abfackelt, den Davidstern zertritt, das Neue Testament schändet oder den Koran anzündet, stirbt die Republik. Intoleranz ist nie fortschrittlich.

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