Wo die starken Körper wohnen

von Alexander Kissler10.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Im Senegal entsteht ein Denkmal im Diktatorenstil zur Feier der afrikanischen Wiedergeburt. Warum schlechter Geschmack dennoch keine soziale Frage ist.

Stalin hätte seine Freude dran, Hitler wäre nicht dagegen, erfreuen aber wird es nur Abdoulaye Wade. Der Mann ist Staatspräsident von Senegal, und das westafrikanische Land, belehrt uns das Bundesaußenministerium, “ist eine Demokratie mit hervorgehobener Rolle des Staatspräsidenten”. Der allererste Mann also im Staate der rund 12 Millionen Senegalesen mag es pompös. Die Hauptstadt Dakar überschwemmt der 83-jährige Grandseigneur mit derart viel architektonischem Zierrat, dass er schon Patissier genannt wird, Zuckerbäcker, wie einst der in Gebäudefragen ähnlich verspielte georgische Genosse und Genossenschlächter. Gipfelpunkt all seines gestalterischen Willens soll ein Denkmal werden, das nun für erhebliche Unruhe sorgt. Schon der Titel ist im Pathosstil gehalten: “Denkmal der afrikanischen Wiedergeburt”. Eine Renaissance soll kraftvoll Ausdruck finden, die Befreiung Afrikas von den Fesseln der Sklaverei, wohl auch die 1960 errungene Unabhängigkeit Senegals von Frankreich. Ein Denkmal soll es werden, an dem die Nation gerne verweilt, das ihre Hälse recken macht und die Augen in Dankbarkeit schimmern lässt. So wird es sich Wade gedacht haben. Deshalb nahm er das Projekt in die eigenen Hände. Er besorgte den Baugrund in der Nähe des Hafens, er machte einen Immobilienmagnaten ausfindig, der gegen Überlassung des üppigen Grundstücks den Bau stemmt, er vertraute seinem architektonischen Berater, dem Bauingenieur Goudiaby, haarklein die figurativen Ideen an, er besorgte schließlich einen Bautrupp aus Nordkorea, der Goudiabys Skizze umsetzen soll. Fleißig meißelt und schweißt und hämmert nun die importierte Hundertschaft – inmitten von Müll, denn die Hafengegend von Dakar zählt nicht zu den wenigen Wohlstandsinseln in Wades Stadt. In diesem Jahr noch soll das Monstrum fertig sein. Es wird dann die Freiheitsstatue von New York um drei Höhenmeter übertreffen. Umgerechnet 20 Millionen Euro wird es verschlungen haben.

Eine Trias von fürchterlicher Einfalt

Da erheben sich viele Fragen: Braucht Senegal mit einem Bruttoinlandsprodukt von weniger als 1.000 Dollar pro Kopf und Jahr nicht sauberes Wasser, sichere Straßen, funktionierende Stromnetze viel dringender? Andererseits: Gibt es eine Gesellschaft, eine Zeit, die Kunst nicht bräuchte? Wiederum andererseits: Ist das überhaupt Kunst? Auf Goudiabys Skizzenblock entstand eine Trias von fürchterlicher Einfalt. Ein nach oben gewundener Männerkörper mit Muskelpaketen der Verpackungsgröße XXL zieht eine unter ihm platzierte Frau mit festem Taillengriff nach sich, zu sich, zur Sonne, und hält mit der Linken, während er den Kopf spannungsfördernd nach hinten wirft, ein zufrieden kraftstrotzendes Kleinkind, das wiederum mit seiner Linken zur Sonne zeigt, gen Westen, nach Amerika. Das “Monument de la Renaissance africaine” hat, wie gesagt, die Ausmaße der Freiheitsstatue, 49 Meter exklusive Sockel. Den Muslimen, die 90 Prozent der Bevölkerung stellen, missfällt das dünne Kleidchen der Frau, den Christen missfällt, dass Wade zur Rechtfertigung der Nacktheit auf die Darstellungen Christi in den Kirchen verwies. Es gab schon kleinere Ausschreitungen deswegen. Die Neue Zürcher Zeitung, die den Fall aufspießte, zitiert den nordkoreanischen Baustellenleiter: “Wahrscheinlich”, antwortet er auf die Frage, ob es stimme, dass nur Nordkorea über das Wissen verfüge, ein Denkmal wie dieses zu bauen.

Hohl, plump und peinlich

Die alte Frage, ob Diktatoren, die den Einzelnen verherrlichen, weil sie das Individuum ablehnen, die in Klassen und Rassen denken, weil sie Angst haben vor der Menschenwürde – ob also solche links- oder rechtssozialistischen Potentaten durch eine Ästhetik der Unfreiheit kitschig verbunden sind, erhält durch Wade eine neue Färbung. Wade ist demokratisch an die Macht gelangt, er unterdrückt sein Volk nicht, er kann jedoch offenbar mit Geld nicht optimal umgehen, und er neigt zum Narzissmus. Die Kunst, die er durch Abgesandte eines Tyrannenstaats produzieren lässt, ist abgeschmackt und hohl, plump und peinlich. Woraus erhellt: Es gibt den Hang zur pseudoklassischen Formensprache in Diktaturen jedweder Couleur. Und es gibt den schlechten Geschmack dessen, der zu Macht und Ansehen gekommen ist. Es gibt keine Kunst, die in sich, losgelöst von allem Kontext, der Genese enthoben, stalinistisch wäre, nationalsozialistisch, staatssenegalesisch. Es gibt aber überall und jederzeit schlechten Geschmack, der aus Unbildung entsteht und Geltungssucht. Welches Kleid er sich überwirft, ist eine Frage der Umstände. Die Bundesrepublik Deutschland übrigens unterstützt den Senegal im Zeitraum 2009 bis 2011 mit Entwicklungshilfe in Höhe von insgesamt 57 Millionen Euro.

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