Immer da

von Alexander Kissler6.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Bei Sat.1 wird der “Ballermann”-Sänger Michael Wendler zum Star einer Dokusoap: ein bizarrer Ausflug in die Tiefen der Gewöhnlichkeit.

Der Wendler wird er nur genannt. Eine Institution also sei dieser Mensch, ein Markenzeichen, ein Fleisch und Jeans gewordenes Motto. Als solches will der Wendler Erfolg verkörpern, Leibeskraft und jede Menge Machotum. Wendler, der trotz solch rücksichtslosen Ego-Marketings auf den klassischen Vornamen Michael hört, hat sich immerhin eine weiße Villa ersungen und vier Goldene Schallplatten. Die Villa steht in Dinslaken, der Heimatstadt des gelernten Speditionskaufmanns, und die “Millionen von Fans”, die ihm zujubeln, hat er sich durch wöchentliche Auftritte im mallorquinischen “Ballermann” und in den Diskothekenhochburgen Bottrop, Duisburg, Hamm erworben. Woher wir das alles wissen? Sat.1 hat mit der sechsteiligen Dokusoap “Der Wendler-Clan” begonnen. Immerhin 2,3 Millionen Zuschauer ließen sich die Premiere gefallen.

Der Wendler, die “geile Sau”

Dokusoaps beruhen auf der Vorstellung, Laien könnten ausgedachte oder nachgestellte Konflikte glaubwürdig darstellen, wenn ein erfahrenes Produktionsteam ihnen dicht genug auf die Pelle rückt und Anweisungen erteilt. Insofern passt ein Selbstvermarkter und Gernegroß wie Michael Wendler perfekt ins Genre. Sobald die Kamera läuft, lacht er sein breites Lächeln und ist doch abseits der Disco- und Freiluftbühnen hinreichend enthemmt, um Authentizität darzustellen. Er hält sich selbst für eine “geile Sau”. Das Bekenntnis lässt er auf rosafarbene T-Shirts drucken, die dann 12-jährige Mädchen bei seinen Konzerten tragen: “Der Wendler ist die geilste Sau der Welt.” Die erste 45-Minuten-Folge konfrontierte das Publikum mit genau fünf Fragen: Kann Claudia kochen? Die Frau des “Königs des Popschlagers” gebietet nämlich über eine strahlend weiße und sehr jungfräuliche Küche. Wenn die Familie zum Mittagsmahl erscheint, lässt Claudia den Pizzaservice anfahren. Stilvoll isst man aus Pappkartons, nur Claudias Vater nölt ein wenig. Und der Wendler erinnert sich im Angesicht der gleichfalls anwesenden eigenen Mutter schwärmerisch an deren Kochkünste. Claudia aber beharrt: Sie habe neulich erst Geschnetzeltes zubereitet.

Kann der Wendler singen?

Zweitens konnte der Beweis nicht ganz geführt werden, dass Michael Wendler wirklich, wie er behauptet, “praktisch nur auf Achse ist”, 350 Auftritte pro Jahr absolviert. Die meiste Zeit verbrachte er nun im weißen Hemd, stets aufgeknöpft bis zur ersten Brusthaarinsel, im weißen Haus, zwischen weißen Badezimmerkacheln, vergoldeten Brauseköpfen und weißen Wohnzimmerkacheln. Nur in Bottrop und Duisburg stand er, unmittelbar hintereinander, auf der Bühne. Er musste sich seinen Weg vorbei an tanzenden Frauen im Glitzerbikini bahnen. Dort erhob sich die dritte Frage: Kann der Wendler singen? Selbst sein größter Hit, “Sie liebt den DJ”, war nur in einer Fassung für grölende Erste-Reihe-Damen kurz zu hören. Von “Helden sterben einsam”, “Männer lügen nie”, “Prinzessin” ganz zu schweigen. Sämtliche Wendlerlieder übrigens sind im Disco-Fox-Rhythmus gehalten. Auf sehr viel synthetisches Schlagzeug setzt sich eine näselnde Stimme und singt von Begebenheiten, die für Roland Kaiser oder Wolfgang Petry zu simpel wären: “Für meine Freunde war ich 24 Stunden da, auch wenn in Buxtehude irgendwo ‘ne Panne war.” Viertens bliebe zu klären, ob das Verschütten eines Kakaobechers durch Wendlers Töchterlein eine große, eine sehr große oder gar eine Menschheitskatastrophe ist. Mutter und Oma bestaunen das Missgeschick ausführlich und reden und wischen und machen Vorwürfe: die schöne weiße Küche! Dass du aber nicht aufpassen kannst! Fünftens und letztens stellt die besorgte Ehefrau, die aus nachvollziehbaren Gründen noch nie ein Wendlerkonzert besuchte, die Frage aller Fragen: Darf ein Schlagerkönig in seinen Videos andere Frauen küssen, blond wie die Gemahlin selbst? Der Dinslakener hat es sehr genossen, “küssen konnt‘ se gut”, sagt er und lacht am allerbreitesten. Claudia aber macht die Szene “kiebich”. Auch sie will sich nun das Recht herausnehmen, einen fremden Mann zu küssen. Michael Wendler belehrt sie eines Besseren: Sie sei kein Schlagerkönig, da stünde das andere Geschlecht eben nicht Schlange. Pech für Claudia. Der tapferen Frau ist das Highlight dieser ansonsten bräsig und ganz unmusikalisch dahintreibenden Dokusoap zu verdanken. Beim Kämmen wird sie philosophisch: “Ich wurde aufgrund meiner Haarlänge und Haarfarbe vor zwanzig Jahren ausgesucht.” So lange schon währt die Zugewinngemeinschaft aus Dinslaken. Für diesen Einblick in das merkwürdige Verhalten paarungsbereiter Blondinen muss man Sat.1 fast schon dankbar sein.

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