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Deutschland ist überall

Im zurückliegenden Jahr war Christine Neubauer die meistbeschäftigte Fernsehschauspielerin. Ihre Filme sind in der Regel triviale Loblieder auf die deutsche Superfrau: ein Aufruf wider die Inflation der Neubauerei.

Damit war nun wirklich zu rechnen: Christine Neubauer, gebürtig 1962 in München, war anno 2009 hierzulande die allerpräsenteste Fernsehschauspielerin. Sage und schreibe 10.373 Minuten lang konnte man die fesche Maid im deutschen Fernsehen bewundern, in insgesamt 115 Fernsehfilmen und solchen, die es sein wollten. Auch im neuen Jahr muss die Gemeinde nicht darben. Gleich am Neujahrstag wird “Afrika im Herzen” wiederholt, und am 5. Januar wird das, so die Statistik stimmt, 121. Neubauervehikel seit 1984 seine Welturaufführung erleben: “Wer zu lieben wagt”.

Sturm der Langeweile

Von solcher Art sind fast alle Wagnisse, die meistens dank öffentlich-rechtlichem Gebührengeld das Licht des Flachbildschirms erblicken: Neubauer wird die Scheidungsanwältin Maria Berger verkörpern, die, wie es sich für Ausgeburten deutscher Drehbuchschreiber gehört, in Thailand ihrem Beruf nachgeht. Dort aber, verkündet der Pressetext, glaubt Berger-Neubauer “nicht mehr an die Liebe”. Ergo wird sie bald eines Anderen belehrt. Das Andere, natürlich in Gestalt Hardy Krügers jr., heißt hier Martin Wagner und wird als “ein Aussteiger, der auf einer kleinen Dschunke lebt”, vorgestellt. Zudem ist Wagner, deutsch durch und durch wie Berger, ein “begnadeter Arzt”, kämpft gegen einen Hirntumor in Clara, Marias Schwester, und gewinnt en passant Marias Herz.

Deutsche auf großer Fahrt, das Leben und die halbe Welt rettend: Diesem Phantasma, das einst die Berliner Filmschmiede UFA imposant und imperial verewigte, gehorchen viele der jüngeren Neubauerfilme. Das “Vollweib” – voll der Tatkraft, voll der Pfunde, voll der Weiblichkeit – hat vor allem auf dem afrikanischen Kontinent viel zu tun, schließlich liegt dort viel im Argen. Als Ärztin Katrin (nicht Maria) Berger hat sie “Afrika im Herzen”, besonders aber ihre Buschklinik in Namibia. Schwager Stefan Berger, also Timothy Peach, sorgt für allerlei trübe Machenschaften, vor denen gerade noch rechtzeitig der gute Sam, also Francis Fulton-Smith, sonst unterwegs als Pater Simon Castell im Zweiten oder als der Eisenacher Arzt Dr. Kleist im Ersten, sie bewahren kann.

Genesen am deutschen Wesen

Zwei Tage vor Heiligabend durfte Neubauer, die auch in “Folge deinem Herzen” und “Für immer Afrika” die namibische Entwicklungshelferin gab, unter neuem Rollennamen gen Süden reisen. In “Meine Heimat Afrika” hieß sie Hanna Edlinger und suchte in Namibia nach den Spuren ihres Vaters. “Würde man das Niveau als unterirdisch bezeichnen”, schrieb dazu der ehemalige Afrikakorrespondent der Süddeutschen Zeitung, Michael Bitala, “wäre das zu hoch gegriffen.” Der ganze Film sei “voller grausamer Dialoge und grausamer Handlungsstränge”. Namibia übrigens war einst die Kolonie “Deutsch-Südwestafrika”.

10.373 Minuten Neubauer laut Bild im zurückliegenden Jahr: Das sind knapp 173 Stunden Neubauerei nonstop, sind über sieben komplette Tage, angefüllt mit patenten Posen, die Hände in die Hüften gestemmt, mit großem Augenaufschlag und resoluter Pathosformel, mit energischem Schritt, verdutztem Blick und stimmgewaltiger Moral, vor allem aber mit good old German Womanpower all over the World: Maria, Katrin und Hanna sind rastlose Botinnen deutscher Heilkunst, Klempnerinnen der Seele und des Leibs, Besserwisserinnen und Bessermacherinnen, Marketenderinnen unzerstörbaren Anstands.
10.373 publikumsträchtige Minuten: Das waren sieben Tage voll des allerbesten deutschen Wesens. Ein Ende ist nicht in Sicht. “Ich plane schon jetzt neue Projekte, lese viele Drehbücher”, vertraute die Dauerbeschäftigte der Bild an. Das Auskommen sei ihr von Herzen gegönnt. Es wäre aber durchaus ein Beitrag zur Fernsehqualitätsdebatte wie auch zur Rundfunkgebührendebatte, gäbe es anno 2010 ein paar Minuten Neubauerei weniger. Irgendwann wird jede Steppe, jeder Busch und jedes Frauenherz ein Stück Deutschland gewesen sein. 

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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