Lest Chesterton!

Alexander Kissler3.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer dem Kalorienrausch und der Rührseligkeit entgehen will, der kann zu Gilbert Keith Chesterton greifen. Der Erfinder von “Father Brown” schrieb einige der schönsten Geschichten und Essays über Weihnachten.

Es lässt sich nicht länger verheimlichen: Weihnachten naht mit Sauseschritten. Die Glühwein- und Lebkuchen- und Geschenkpapierseligkeit macht sich breit. Seit September zwar mag es in den Lebensmittelgeschäften Christstollen geben und Dominosteine sonder Zahl. Erst nun aber werden die Sternenlichter in den Fußgängerzonen montiert, erklimmen dicke Stoffmänner im Kapuzenanzug die Häuserfassaden. Elche, leuchtend von innen, lassen sich in Vorgärten nieder. Weihnachten naht, und das ist eigentlich immer eine Zumutung. Um dieser zu entgehen, empfiehlt es sich sehr, wo immer möglich, Menschenmassen zu meiden. Auch Weihnachtsfeiern samt promillegesteuerter Zwangsverbrüderung sind in der Regel ein Inferno, knapp vor Ultimo. Gar nicht reden wollen wir hier von den familiären Spontanausbrüchen eines rigiden Näheverlangens. Spätestens die Jahresrückblicke Anfang Dezember zeigen an, dass man mit Weihnachten am liebsten fertig ist, bevor es begonnen hat.

Weihnachten, “eine Flagge der Revolte”

Ein wunderbares Gegengift sind da die soeben auf Deutsch erschienenen Betrachtungen Gilbert Keith Chestertons, des Erfinders von “Father Brown”. Der füllige Engländer, der 1936 verstarb, war ein begnadeter Erzähler und ein beneidenswert witziger, bewunderungswürdig kluger Essayist. In “Die englische Weihnacht”, soeben im Verlag “nova et vetera” erschienen, präsentiert er sich einmal mehr als Lebemann mit Grundsätzen, als frommer Dandy, streitfreudiger Bohemien mit dem unbesiegbaren Drang zur Allversöhnung. Darum gelangen ihm zum heute so traurig überzuckerten Weihnachtsfest einige der schönsten Sätze. Weihnachten nennt er, der auch Demokrat war und Traditionalist, “eine Flagge der Revolte. Denn das, was das Banner hinausschleudert, ist die Sprengkraft, ist der Windstoß des Magnificat. Ihm haben so viele Revolutionen nur halb gehorcht und folglich versagt. Denn es ist zwecklos, die Mächtigen vom Thron zu stürzen, es sei denn, wir können die Niedrigen erheben.” Eben genau diese Umwertung der Werte nahm ihren Anfang in der ersten Weihnacht, in einer vorderasiatischen Krippe. Das grundlegend menschliche Verhältnis zur Welt ist für Chesterton das des Erzählers. Menschen sind jene Wesen, die sich Geschichten erzählen – und die diese Geschichten deshalb weitergeben, weil sie an sie glauben. Nicht anders könne man sich der Geschichte von Weihnachten nähern. Begreifen, heißt das, kann man das Fest nur, wenn man sich davon erzählen lässt und wenn man das Erzählte glaubt, also begreift.

“Ein unsterbliches Abenteuer”

Ebenfalls in “Die englische Weihnacht” nennt Chesterton “die größte aller Segnungen” den Bumerang, “und all die gesündesten Dinge, die wir kennen, sind Bumerangs – das heißt, es sind Dinge, die wiederkehren. Der Schlaf ist ein Bumerang. Morgens werfen wir ihn von uns, und zur Nacht streckt er uns wieder nieder.” Auch das Tageslicht sei ein Bumerang und ebenso das Weihnachtsfest. Solch ein Ereignis zu haben, “bedeutet nicht unbedingt, dass ein zufälliges Ereignis auf Biegen und Brechen wiederholt werden muss, sondern dass man ein immer wiederkehrendes Abenteuer hat und deshalb in gewissem Sinne ein unsterbliches Abenteuer.” Insofern können all die Reklame und der Promillerummel und das Gefeilsche dem Abenteuer nichts anhaben.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu