Salz von gestern

von Alexander Kissler26.11.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Das “Zentralkomitee der Katholiken” hat einen neuen Chef. Eine Zukunft hat es nur dann, wenn es sich endlich aus dem Klammergriff der Politiker befreit.

Vom Vorsitz der SPD sagte Franz Müntefering einmal, es handele sich um das schönste Amt der Welt “neben dem Papst”. Eine glücklose Ära und eine glanzlose Abschiedsrede später ist “Münte” vermutlich klüger. Jener Posten hingegen, von dem nun die Rede sein wird, scheint einerseits dem Papstamt näher zu stehen und ist zugleich viel weiter entfernt davon und also eines der unattraktivsten Ämter überhaupt. Weil kaum jemand sich dafür bewerben wollte, trat ein pflichtbewusster Ex-Politiker an. Dieser zählt 69 Jahre, sodass seine Wahl als Verjüngung gilt. Der Vorgänger ist vier Jahre älter. Schon im Namen konserviert das “Zentralkomitee der Katholiken” eine Zeit, die war. Im 19. Jahrhundert, als es aus dem “Zentralkomitee der katholischen Vereine” entstand, war es Avantgarde. Es bündelte jene Vereine, die gemeinsam den “Katholikentag” ausrichteten. “Katholikentage”, muss man wissen, waren damals nicht jene zivilreligiös aufgehübschten Treffen ergrauter Weltverbesserer und Allesversteher, als die sie heute karikiert werden können. “Katholikentage” waren riskante Unternehmungen in einem Kaiserreich, das sich als durch und durch protestantisch verstand und dem ein authentischer, aber eben nicht bischöflicher Katholizismus öffentlich die Stirn bot.

Katholisches Vereinswesen

Die Zeit ging über den Kulturkampf glücklich hinweg, ebenso über das Gremien-, Ausschuss- und Räteprinzip, dem das “Zentralkomitee” eisern die Treue hält. In einem Jahrhundert, in dem flache Hierarchien gefragt sind, Vernetzungen statt Zentralisierungen, ruht das katholische ZK ganz in sich und somit auf fein austarierten Verstrebungen, auf den Laienräten, Verbänden, Bewegungen, Initiativen und Organisationen. Nicht die katholischen Laien vertritt das ZK, sondern Verbände, in denen Laien zusammengeschlossen sind. Nicht für das katholische Deutschland steht das ZK, sondern für einen Teil des katholischen Vereinswesens. Stabil und starr wie seine Strukturen sind seine Sätze. Man sorgt sich in schwer verdaulicher Schachtelbauweise um Klimawandel, Demografie, Atomkraft, Staatsverschuldung. “Salzkörner” heißt das Verlautbarungsorgan, das tatsächlich ein solches ist, mit einem Titel, wie ihn die Fachschaft Soziologie nicht schöner hätte erfinden können, damals, in einem Sommersemester der 70er-Jahre. Das jüngste “Salzkorn” erinnert programmatisch an das Motto einer Fastenaktion just aus jenen abgelegten Tagen, “anders leben, damit andere überleben”. Selbstredend ist gegen die Sorge um den Nächsten, nah wie fern, gar nichts einzuwenden. Das ZK hat alles Recht, sich so zu konstituieren, so zu verhalten, so zu äußern, wie es ihm frommt und wie es dank kommoder Subventionierung aus sämtlichen Bistümern sich leisten kann. Nur zeigt der Stabwechsel an der Spitze vom Mecklenburger Griesgram Hans Joachim Meyer (73, CDU) zum bodenständigen Bayern Alois Glück (69, CSU) das Grundproblem dieser Veranstaltung. Das ZK vertritt einen Politkatholizismus von vorgestern, ein durchhierarchisiertes Teilmengenchristentum, das außerhalb der eigenen Kreise keinen Resonanzraum findet. Die in den Leitungsgremien heillos überrepräsentierten Hinterbänkler, Beamten und Politrentner sind vermutlich wirklich die einzigen Persönlichkeiten, die sich in die Pflicht nehmen lassen. Nichts belegt schlagender, dass von den Spitzen wie von den Abgründen der Gesellschaft das ZK lichtjahreweit entfernt ist. Kein Abbild der Gesellschaft kommt so zusammen, sondern das letzte Häuflein der Alphatiere.

Die Schutzräume der eigenen Gesinnungsgemeinschaft

In seiner Bewerbungsrede warnte der nicht unsympathische Alois Glück die Mitkatholikinnen und Mitkatholiken davor, “in den Schutzräumen der eigenen Gesinnungsgemeinschaft zu bleiben”. Ob ihn die Ahnung beschlich, dass damit das eigene Grundproblem mindestens ebenso treffend beschrieben ist wie das der vermutlich gemeinten Gruppierungen außerhalb des Zentralkomitees, jener Gruppen also, die die wohltemperierte Mitte als nicht ganz so erstrebenswert empfinden? Außerdem forderte Glück eine “neue Qualität der Kultur der Verantwortung, der Verantwortung für sich selbst, für die Mitmenschen, für das Gemeinwesen und vor allem, als eine der größten ethischen Herausforderung unserer Zeit, für die Nachkommen”. Nicht anders tönt es in Sonntagsreden, die Politiker mit und ohne christliche Imprägnierung sich gerne schreiben lassen. Eine Lobbygruppe aber, die so redet wie die meisten politischen Vereinigungen und die getragen wird vom ehemaligen oder aktuellen politischen Personal, hat kein anderes Mandat für ihre Tätigkeit als eben ein allgemein politisches qua Selbstzuschreibung. Das “Zentralkomitee” spricht für sich und zu sich. Erst wenn es bereit sein sollte, sich aus dem Klammergriff der Politik und der Politiker zu befreien, wird es als eine genuin katholische Stimme erkennbar sein. Ein neuer Name ergibt sich dann von selbst.

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