Keiner von uns!

von Alexander Kissler4.11.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Jenseits des Jubel-Rummels: Friedrich Schiller begreifen wir nur, wenn wir darauf verzichten, ihn zu einem Zeitgenossen zu machen.

Am kommenden Dienstag ist es wieder soweit: Ein Klassiker will vergegenwärtigt werden. Zu Friedrich Schillers 250. Geburtstag werden die kleinen und die großen Honoratioren aufmarschieren, um seine Dramen zu sehen, seine Balladen zu hören, seine Briefe sich vorlesen zu lassen. Der Terminkalender der längst nach Dutzenden zählenden Schiller-Biographen wird nicht die kleinste Lücke aufweisen. Rüdiger Safranski, der populärste, wird im Beisein des Bundespräsidenten manchen bedenkenswerten Gedanken äußern und en passant das Schiller-Nationalmuseum zu Marbach wieder eröffnen. Soviel Schiller war selten. Nichts ist für Klassiker gefährlicher als der Rummel um ihre Jubiläen. Das letzte Schiller-Jubeljahr – Briefmarkensammler werden sich erinnern – liegt nicht lange zurück. Anno 2005 war es, als derselbe Wanderzirkus schon einmal Station machte in deutschen und also in Schillers Landen. Anlass war der 200. Todestag. Die Briefmarke zeigte die Buchrücken Schillerscher Werke in Erstausgaben und davor des Dichters Unterschrift in blutroter Tinte.

Ist er einer von uns?

Der größten Versuchung in Sachen Memorialemphase zu widerstehen, fällt ungemein schwer: den teuer Verblichenen zu einem Zeitgenossen machen zu wollen. War er, heißt es dann salbungsvoll, nicht einer von uns, nahm er, fährt man festlich fort, nicht unsere Gegenwart vorweg, ja ist er, schließt man sodann, nicht modern, also heutig? Besonders schamlos trieben es in dieser vereinnahmenden Disziplin die Nationalsozialisten. Schon 1932 schrieb ein früher Parteigenosse, späterer Funktionär, Fabricius mit Namen, über “Schiller als Kampfgenosse Hitlers”. Anhand der Dramen meinte er nachweisen zu können, dass diese “uns das Wesen oder Unwesen der heillosen deutschen Gegenwart” offenbarten. “Gleich magisch leuchtenden Fackeln weisen sie uns zugleich den Weg in eine bessere, würdigere Zukunft”. Schiller sei ein Kämpfer gewesen, “er kämpfte – und siegte über die Volksverderber. Als er starb, lagen die feindlichen Riesen Materialismus, Rationalismus, Liberalismus und Egoismus (…) mit gebrochenen Gliedern auf der Walstatt.” Schiller, ein Deutscher auch, Nationalsozialist obendrein, habe “in unzähligen jungen Seelen die Keime späterer Wiedergeburt gepflanzt. (…) Der Nationalsozialismus schöpft aus den gleichen, ewigen Kraftquellen deutscher Art, aus denen auch Schiller schöpfte.” Damit der Dummheit nicht genug: Als im November 1934, zu Schillers 175. Geburtstag, die offiziellen Feiern in Weimar und Jena stattfanden, lautete das Motto “Die Nation huldigt Friedrich Schiller”. Der Festvortrag eines Germanisten pries natürlich “Schiller und die Gegenwart”. Am Ende musste, wer Schiller nicht kannte, tatsächlich denken, der Schwabe aus dem 18. Jahrhundert sei Parteimitglied Nummer 1 gewesen.

Das, wofür Schiller stand, steht quer zu jeder Zeit

Das Schaudern über soviel Instrumentalisierung ist heilsam, weil es die Gefahren einer jedweden, auch der wohlmeinden Vergegenwärtigung vor Augen führt: Klassiker können nur um den Preis einer Vergewaltigung von Werk und Zeit zu den Unseren gemacht werden. Klassisch heißt schließlich jene überzeitlich gültige Betrachtung, die zu keiner Zeit aktuell war. Auch wer zu Schillers und Goethes Zeit lebte, war in der Regel nur in einem chronologischen Sinne deren Zeitgenosse. Das, wofür sie standen und stehen, steht quer zu jeder Zeit. Keine Zeit geht auf in dem, was der entdeckt, der sie durchschaut. Goethe etwa verkündete das Ideal der Ganzheitlichkeit von Mensch und Welt, als die Zeit sich längst an der zergliedernden Industrialisierung berauschte. Und Schiller? Im Gedicht “Die Freuden der Gegenwart” scheidet er scharf den “fliehenden Augenblick” von der “quälenden Reue”, an welche jener gebunden sei. Er kannte also die Abgründe jeder Zeitlichkeit. Und in seinen wahrhaft klassischen, da noch nie aktuell gewordenen Briefen über die “ästhetische Erziehung des Menschen” erhofft er sich alles von den entzeitlichenden Kräften im “fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins”: “Die Schönheit allein beglückt die Welt, und jedes Wesen vergisst seiner Schranken, solang es ihren Zauber erfährt.” In diesem Sinne: Schönen Geburtstag, Friedrich Schiller!

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