Auf dem Weg zur Normalität

Alexander Kissler28.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Obwohl Henryk M. Broder vermutlich nicht zum Präsidenten des Zentralrates gewählt wird, markiert seine Kandidatur einen Wendepunkt. Aus den Juden in Deutschland sind wieder deutsche Juden geworden.

Um eine Kippa in den Ring werfen zu können, muss man sie erst einmal tragen. Und genau darin liegt das Problem. Henryk M. Broder kündigte seine Kandidatur für den Vorsitz des Zentralrates der Juden in Deutschland mit dem Bild von der Kippa und dem Ring an. Bekannt aber ist der Publizist eher für seine Liebe zu Polemik und Sprachwitz als zu koscheren Gebräuchen. Den Baha’i gilt öffentlich fast eine größere Zuneigung als der jüdischen Gemeinschaft. Ist also die Kandidatur tatsächlich nur, wie der Zentralrat in Gestalt seines Vizepräsidenten argwöhnte, eine “lustige Fantasie“? Einhellig war die Ablehnung in der veröffentlichten Öffentlichkeit. Journalistenkollegen nannten Broder einen “hysterischen Wichtigtuer“ mit einem „reaktionären, militaristischen Weltbild“, sprachen von einer “Jux-Kandidatur“ auf Horst Schlämmers Spuren. Die Bewerbung sei eine “absurde Mischung aus Realitätsverlust, großkariertem Größenwahn und Aberwitz“. Getrieben von Narzissmus und Hybris, suche hier ein “eitler Geck“ nach der ultimativen Bühne für seine Selbstdarstellung. Auch in der deutschen Judenheit überwog die Ablehnung. Rafael Seligmann schalt den “publizistischen Gag“. Humorvoll warnte Michael Wuliger in einem Offenen Brief den “lieben Henryk“ vor den „Sitzungen der unzähligen jüdischen Gremien, bei denen Du Dir Deinen Hintern platt sitzen müsstest. Und in welcher Gesellschaft! Jüdische Gemeindefunktionäre hast Du nie leiden können. Jetzt werden die bei Dir tagtäglich auf der Matte stehen, weil sie was von Dir wollen. Genau gesagt, wollen sie Geld.“

Tante Charly

Sein Bewerbungsschreiben im Berliner “Tagesspiegel“ hatte Broder mit all jenen Derbheiten geschmückt, für die er bekannt und berüchtigt ist. Der Zentralrat befinde sich “in einem erbärmlichen Zustand“, die Präsidentin, “intern ‚Tante Charly’ genannt“, sei überfordert. Es sei „nicht die Aufgabe des Zentralrates, den übrigen 79,9 Millionen Deutschen vorzuschreiben, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen sollten.“ Er dürfe nicht länger als „Reue-Entgegennahme-Instanz“ auftreten. “Wir brauchen nicht noch mehr Holocaustmahnmale und Gedenkstätten, sondern eine aktive Politik im Dienste der Menschenrechte“. Der “kleinkarierte Größenwahn“ müsse aufhören. In der Tat gibt der Zentralrat oft ein unglückliches Bild ab. Charlotte Knobloch, charmant und warmherzig im privaten Umgang, wird in der Öffentlichkeit als Dauerbeleidigte wahrgenommen. Ihr Generalsekretär Kramer, ein Konvertit, gefällt sich in der Rolle des Haudrauf, keilte derbe gegen Obama, Lammert, Sarrazin und ist mit dem Vorwurf braunen Gedankenguts sehr schnell bei der Hand. Auch intern ist seine Kraftmeierei umstritten. All das trägt dazu bei, dass der Zentralrat schleichend von einer historisch besonderen zu einer ganz normalen Interessenvertretung wird, deren Relevanz sich nicht mehr von selbst versteht. Könnte Broder da abhelfen? Wäre er in der Lage, nach innen zu einen und nach außen zu profilieren? Die Reizfigur müsste auf das Reizen verzichten wollen, um nicht rasch mit Schimpf und Schande aus dem komplexen Amt gejagt zu werden. Entweder Broder müsste sich so ganz verbiegen oder die mehrheitlich russischen Juden müssten sich so ganz verändern. Beides ist extrem unwahrscheinlich.

Frohgemute Macher statt streitbegabte Primadonnen

Nein, Herr Broder, das wird wohl nichts werden mit Ihrer Präsidentschaft. Die vielerorts schrumpfenden jüdischen Gemeinden werden in den kommenden Jahren vor einschneidenden Maßnahmen stehen. Da braucht es frohgemute Macher, nicht streitbegabte Primadonnen. Dennoch ist die Kandidatur, von der zu hoffen ist, Broder erhalte sie bis zur Repräsentantenversammlung im kommenden Mai aufrecht, alles andere als nur eine lustige Fantasie. Sie ist Zeichen einer sich anbahnenden Normalität im Verhältnis jüdischer und nicht-jüdischer Deutscher. Die Nachkriegsgeneration tritt ab. Sie gibt den Blick frei auf ein Judentum, das in Deutschland kaum anders sich darstellt denn im Rest der Welt: als eine sehr heterogene, sehr bunte Gemeinschaft aus Frommen und Agnostikern, Ansässigen und Zugezogenen, Arbeitern, Angestellten und Arbeitslosen. Broder wird nicht gewählt werden. Für einen Sprung aus der Nachkriegsgeneration direkt ins muntere Kulturjudentum ist die Zeit nicht reif. Die Kandidatur aber und die Debatte, die sie ausgelöst hat, markieren einen Wendepunkt. Aus den Juden in Deutschland sind wieder deutsche Juden geworden – so wie es in den USA amerikanische und in Kanada kanadische und in Australien australische Juden gibt. Mord und Vertreibung haben nicht das letzte Wort behalten. Dieses Hoffnungszeichen bleibt nun, direkt oder indirekt, bewusst oder ungewollt, mit dem Namen eines “Gecks“ verbunden.

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