It’s showtime!

Alexander Kissler14.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Posse um Christian Thielemann ist ein Lehrstück in Sachen Kunst und Künstlichkeit.

Nun also Dresden statt München, Staatskapelle statt Philharmoniker: Christian Thielemann hat sich entschieden und die meisten Beobachter überrascht. Genau zwei Tage, bevor ein weiteres Gespräch der in wechselseitiger Enttäuschung erkalteten Wunschpartner von einst stattfinden sollte, beendete Thielemann den Zirkus mit einem Salto Mortale aus dem Stand. Münchens Kulturreferent bekam einen kurzfristigen Freiraum im Kalender, steht aber jetzt vor der langen schwierigen Suche nach einem Nachfolger für die Zeit ab 2011. Was lief da schief? Die Posse um „die eigentlich dumme Stadt“ – so bekanntlich Thomas Mann über die Isarmetropole – und den Maestro begann als Liebesheirat, entwickelte sich zum Drama, pflanzte sich fort zur Tragödie und endete als Farce. Ich war dabei im Jahre 2004, bei Thielemanns Einstand mit Bruckner, natürlich mit Bruckner. Niemand dirigiert den frommen Österreicher derzeit so hingebungsvoll, so konturenscharf, kraftvoll und zärtlich wie der Preuße Thielemann. Er, der seinen Hang zu Luxus ebenso wenig verbergen mag wie zu knackigen konservativen Statements, ist Meister aller Klassen in Sachen Bruckner, Wagner, Strauß. München lag ihm zu Füßen, damals, im Herbst 2004, und Thielemann tänzelte ausgelassen durch die Philharmonie, hielt Reden, lachte laut, klopfte Schultern. Der Oberbürgermeister, obwohl mit einem eher trivialen Musikgeschmack gesegnet, strahlte über beide Backen. So konnte, so sollte es weitergehen.

In München ist man gerne großstädtisch

Dass nun schließlich nach gerade einmal fünf Jahren die musikalische Ehe mit Scheidung und gegenseitigen Schuldvorwürfen endete, zeigt das traditionelle Unverhältnis Münchens zu Größe und Genie. Man ist gerne großstädtisch, will aber um keinen Preis so erscheinen. Im Zweifel muss auch der exaltierteste Künstler einem Fachbereichsleiter den Vortritt lassen. Herr Müller heißt der siegreiche Intendant der Philharmoniker, den das Orchester erfolgreich gegen Thielmann in Stellung brachte. Müller, nicht Thielemann sollte bei einer Vertragsverlängerung über 2011 hinaus das letzte Wort haben bei Gastdirigenten und deren Repertoire. Das ließ sich der Star am Pult verständlicherweise nicht aufzwingen. „Man hat mich behandelt wie einen dummen Jungen“, erklärte der große Bursche, dessen mächtigen, wie in einem imaginären Betonmischer rührenden Dirigiergesten ebenso etwas Infantiles haben wie seine Gewohnheit, nach dem Konzert mit einem krachenden Sprung das Podest zu entern. Er schmiss die Brocken hin und votierte für Dresden, bekannte aber bis zuletzt seine Zuneigung zu München. Die Farce zeigt aber auch, dass die Bretter, auf denen musiziert wird, genauso wie jene, auf denen Theater gespielt wird, Kulisse sind, Attrappen nur für eine große Show. Man ist versucht, den Damen und Herren in Abendkleid und Frack das reine Künstlertum eher abzunehmen als den übel beleumundeten Schauspielern. Ist ein Orchester nicht ein Idealstaat im Kleinen, mit einem liebenden, sorgenden Herrscher und vielen ihm glühend verbundenen Untertanen, Freunden, Geistesverwandten? Nein, es ist Show wie alles, was für die Öffentlichkeit in der Öffentlichkeit inszeniert wird.

Macht und Karriere

Thielemann, dem nun doch Macht und Karriere wichtiger sind als die „große Liebe“ München, gekränkte und vermutlich auch intrigierende Musiker, ein orientierungsloser Oberbürgermeister, ein blasser Kulturreferent und ein nassforscher Orchestervorstand: Sie alle haben ihren Part erfüllt in diesem Stück, das Theater ist durch und durch. Intelligenz und Reife sind nun mal nicht immer verschwistert, Genialität und Pflegeleichtigkeit nie. Das dunkle Geheimnis, das alle große Kunst hervorbringt, braucht an seiner Außenseite dieses flirrende Auf und Ab der Gefühle, braucht Verstellung, Schminke und Kostüm. „Glaubt keinem Sänger“, warnte einst der Sänger Heinz Rudolf Kunze. Auch keinem Dirigenten, keinem Musiker, keinem Schauspieler sollte man als bare Münze abkaufen, was sein Ego offen zu Markte trägt. Kunst ist ohne Talmi nicht zu haben. Sonst verriete sie unsere Träume an das Leben.

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