Falsch beraten

von Alexander Kissler12.04.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Dauerpräsenz der rekonvaleszenten Fernsehjournalistin Lierhaus zeigt: Im selbst entfachten Mediensturm wird der Offenbarungszwang zur Falle. Er gebiert neue Mythen und verschlingt das Individuum.

Monica Lierhaus war eine Sportmoderatorin der ARD. Es gibt nicht viele Sportmoderatorinnen im Ersten, in der samstäglichen „Sportschau“ war sie die einzige. Sie lächelte viel, weil man beim Fernsehen eben viel lächelt, besonders beim Fußball. Ihre Interviews waren eher brav als herausfordernd, eher bieder als spritzig – so ist es Sitte im Fernsehsportjournalismus, wo der moderierende Fan dominiert. Dann fiel Monica Lierhaus ins Koma. Im Krankenhaus zu Hamburg war’s, Januar 2009. Sie war wegen eines Aneurysmas im Kopf operiert worden. Auch ein Angiom galt es zu behandeln. Sie rang mit dem Tode. Sie erblindete fast. Ihr Schicksal rührte. Sie war noch keine 40 Jahre alt. Kaum etwas vom Krankheitsverlauf drang nach außen, so wollte es der Lebenspartner.

Roboterhafter Auftritt, trippelnde Schritte, verzerrtes Gesicht

Derselbe langjährige Gefährte, ein Profi aus der Fernsehbranche, orchestrierte dann ein mediales Comeback der Halbgenesenen nach allen Regeln der Kunst. „Mit Gewalt“, sagt er selbst, sollte/wollte Monica „wieder in Richtung Plus kommen, indem sie mir das Maximale, was sie mir im Augenblick anbieten kann, auf dieser Bühne gegeben hat.“ Auf der Bühne der „Goldenen Kamera“ machte Monica dem Gefährten einen Heiratsantrag. “Millionen sahen Anfang Februar 2011 Monica Lierhaus‘ roboterhaften Auftritt, ihre trippelnden Schritte, ihr verzerrtes Gesicht, ihre gepresste Stimme(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=fbh4rjAixRQ: Was für ein himmelweiter Unterschied zur Moribunden, welch fabelhafter Aufstieg, was für eine Rückkehr in die Welt der Lebenden! Was für ein Abgrund zur fidelen Sportmoderatorin von einst! Es folgte Interview auf Interview, in „Hörzu“, „Zeit“, „Bunte“, als sei die Genesung eine nationale Schicksalsfrage. Unangenehm berührte die Höhe ihres Gehaltes für die ARD-Fernsehlotterie. Eine knappe halbe Million soll sie pro Jahr für Werbeauftritte bekommen. „Auch von irgendwas leben“, sagte sie, müsse sie. Bleibt es nicht dennoch ein überrissener Lohn? Hat sie beim Lebensgefährten keinen Kredit? Aber die Worte, die Monica Lierhaus momentan in den gedruckten Interviews redet, sollte man nicht auf die Goldwaage legen. Sie ist nicht gesund. Sie sagt vor allem: „Ja, so war das“, oder: „Ja“, oder: „Das kann ich nicht sagen.“ Oder sie weint. Den Fernsehauftritt nannte Roger Willemsen eine Überrumpelung: “Monica Lierhaus „war da, um zu zeigen, was an ihr nicht wieder da war“; das Publikum sei „wie von Angstlust gebannt“ gewesen(Link)”:http://www.zeit.de/2011/13/Willemsen-Fruehling. Im Gespräch des Lebensgefährten mit der „Zeit“, sekundiert von Monica Lierhaus‘ gelegentlichen Einwürfen, kehrt dieser Eindruck wieder. Da ist ein Mensch, dem man alles Gute wünscht, dem man sehr wünscht, dieser crossmediale Offenbarungszwang trage zur Genesung bei. Stärker ist der Eindruck: Da ist jemand schlecht beraten. Da schützt Liebe nicht vor Torheit.

Lierhaus ist nicht ganz Herrin ihrer Sinne

Ein Satz im “„Zeit“-Gespräch(Link)”:http://www.zeit.de/2011/14/DOS-Interview-Lierhaus macht stumm. Monica Lierhaus behauptet, ihre Gedanken und Empfindungen immer artikulieren zu können. Der Lebensgefährte widerspricht: „Dass Monica das so wahrnimmt, gehört zum Krankheitsbild.“ Das heißt nichts anderes, als dass die ehemalige Moderatorin momentan nicht ganz Herrin ihrer Sinne ist. Sie weiß nicht immer, was sie tut. Sie sagt nicht immer, was sie fühlt. Mit solchen Personen, liebe ARD-Fernsehlotterie, schließt man keine hochdotierten Verträge ab. Und geziemt solchen Personen nicht unser Mitgefühl, unsere Dezenz statt unseres millionenfach bohrenden Blicks auf dem Forum der Eitelkeiten? Der bestimmende Wesenszug, wie ihn das „Zeit“-Gespräch übermittelt, ist das Einverständnis mit allen Deutungen des Lebensgefährten – und, abschließend, der eigene Wunsch nach Ruhe. Sie will „in Ruhe gelassen werden“. Das Paar füttert aber unverdrossen die Medienmaschine mit ein und derselben Botschaft: Monica Lierhaus ist wieder da, lebt, hat sich nicht kleinkriegen lassen, will normal sein, Mutter werden. So entsteht ein neues Rollenbild, aus dem die irgendwann vielleicht gesundete Moderatorin kaum wird ausbrechen können: Monica, die allzeit Starke, die Unbesiegbare, die Unüberwindliche, die Überfrau. Der Mythos wächst und zieht das Individuum schmatzend in sich hinein. Selbstbestimmt ist das alles gerade nicht.

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