Jakobinische Versuchung

von Alexander Kissler19.04.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Wie es kommen konnte, dass die Grünen aus Liebe zur Toleranz die Intoleranz nährten. Und wie es kam, dass Kritik und Hetze als dasselbe galten.

Wer die Programmatik der „Grünen“ kritisiert, der ist kein Kritiker, der ist ein Hetzer. Wer sich gegen politische Ziele der „Grünen“ wendet, der ist nicht anderer Meinung, der ist ein Hassprediger. Und wer Bedenken anmeldet angesichts des pädagogischen Etatismus, den die „Grünen“ propagieren, der widerspricht nicht nur, nein, der vergeht sich an der Verfassung: Dieses Zwischenfazit muss der Schreiber dieser Zeilen ziehen, nachdem er vor zwei Wochen hier die Gender-Agenda der baden-württembergischen „Grünen“ angriff und daraufhin in der beschriebenen Weise in Blogs und via Twitter seinerseits angegriffen wurde.

Die Diskussion über die Grünen wird tabuisiert

Bekanntlich will die stärkste Stuttgarter Regierungspartei das Ländle zum Musterland der Toleranz für „Bisexuelle, Intersexuelle, Transsexuelle und Transgender“ machen. Zu diesem Zweck soll an den badisch-schwäbischen Staatsschulen „in allen Unterrichtsfächern“ die Lebensweise auch besagter sexueller Randgruppen abgebildet werden. Der Staat soll über die Weltanschauung schon der Kleinsten wachen und ihnen eine Sexualerziehung der denkbar umfassenden Art angedeihen lassen. So maßt sich der Staat die Rolle eines „pansexuellen Wächterrates“ an. Muss man solche staats- und sexualpolitischen Tendenzen gut finden? Muss man ergriffen und dankbar die Hände zum Applaus rühren? Sind die Forderungen der „Grünen“, weil sie von den „Grünen“ stammen, der Diskussion entzogen, also sakrosankt und tabu? Und muss man wirklich, um nicht der Corona der Sofortbeleidigten zum Opfer zu fallen, das Selbstverständliche wieder und wieder repetieren – dass natürlich jeder Mensch dieselbe Würde genießt und nicht diskriminiert, nicht beleidigt, nicht in seiner körperlichen Integrität beeinträchtigt werden darf? Klientel und Milieu der „Grünen“ sind es offenbar gewohnt, dass man ihnen nach dem Munde redet. Woran das liegt? Ich kann mir darauf nur diesen Reim machen: Klientel und Milieu haben den Gründungsimpuls tief verinnerlicht, dass sie „die Guten“ sind, grundsätzlich und immer. Ein Kritiker ist ergo kein bloßer Kritiker; er muss ein böser Mensch sein. Denn wer gegen das Gute, also „Grüne“ aufbegehrt, der liebt das Böse: So funktioniert offenbar die Binnenlogik der „grünen“ Bewegung. Der Aufstieg der „Grünen“ zu immer neuen Umfragehöhen ist selbstredend keiner Verschwörung geschuldet, keinem Medienkomplott, keiner Nationalpsychose. Ja, es gibt zahllose Gründe, warum vernünftige Menschen die „Grünen“ wählen und den länger schon etablierten Parteien den Rücken kehren. Die Bewahrung des Regionalen, der Schutz des nächsten Lebensumfelds sorgen im Äon der Globalisierung für das notwendige kleinbürgerliche Gegenglück. Ideologisch überwölbt wird der „grüne“ Regionalismus aber von einer globalen Beglückungsfantasie. Diese rechnet gewiss nicht zu den wahlentscheidenden Motiven. Kaum jemand dürfte für die „Grünen“ votieren, weil er vom Staat eine flächendeckende Aufklärung über Bisexuelle und Transgender erwartet.

Jakobinische Staatsfantasien

Diese Staatsfantasien rechnen aber sehr wohl zum Kern des „grünen“ Selbstverständnisses. Sie sind mehrheitsfähig in der Partei, sie sollen umgesetzt, dürfen aber nicht kritisiert werden. Einmal Wirklichkeit geworden, bedeuteten sie in der Tat das Regiment des Randes über die Mitte, der Triumph der Ideologie über die Wirklichkeit, eine Niederlage der Freiheit zugunsten des Dogmas. Und darum fällt mir für diese Tiefenschicht der „grünen“ Bewegung einstweilen kein treffenderes Adjektiv ein als eben dies: jakobinisch. Hoffen wir, dass an den Trögen der Macht der Appetit auf andere Speisen wächst.

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