Frühling, Sommer, Hässlichkeit

von Alexander Kissler26.04.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Kaum steigen die Temperaturen, zwängen sich die Deutschen in Badeschlappen und kurze Hosen und beleidigen das Auge. Eine Polemik wider die öffentliche Fleischbeschau.

Zu den erfreulichsten Daseinsverbesserungen, die Frühling und Sommer bereithalten, zählen: längere Abende, lauere Nächte, mehr Sonne, mehr Freiluft, mehr Bewegungsraum, juchhe. Stärker und stärker aber werden diese gar nicht hoch genug zu schätzenden Distinktionsgewinne durch eine herbe ästhetische Einbuße erkauft. In der zurückliegenden Woche sah ich, an einem sonst unschuldigen Nachmittag, das erste nackte Männerbein der Saison 2011 in Sandale und Strumpf, krampfadernübersät. Es ging nahtlos über in einen Kugelbauch, dessen beeindruckende Rundheit durch ein straffes T-Shirt aufs Grellste markiert wurde.

Körperhaare und -säfte im öffentlichen Raum

Überflüssig ist es, hinzuzusetzen: In Deutschland war’s, wo mir diese scheußliche Indezenz begegnete. Es ist das Hässliche nämlich, das in den milden Monaten zur deutschen Kernkompetenz wird, das Ungenierte, Ungereimte, Unförmige. Es sind die dünnen Beinchen und die dicken Bäuche, die allüberall hervordringenden Körperhaare und Körpersäfte, die der Deutsche stolz durch den öffentlichen Raum fuhrwerkt beim allerersten Anschein des Frühlings. In kurze enge Jeans klemmt die Generation 50+ ihr mit den Jahren so teuer gewachsenes Fleisch, presst sie die knarzenden Knochen. Das Jungvolk mag nicht hintanstehen und greift zu Badeschlappen, Flipflops, auf dass auch jede und jeder schlurfe und wanke wie eine Kuh beim Gang durch die Fladen. Den Rücken gebogen, die Schultern herabgesenkt, schleichen die tranigen Teutonen übers städtische Pflaster, balancieren Smartphone, Kaffeebecher, Tabakware und sind ein Anblick für einen Goya oder zumindest einen Haderer. Das Feiste ist hier Programm, das Zudringliche, das Schwitzende. Man lässt seiner Fasson die Zügel schleifen, geht aus dem Leim, den man eh nie kannte, präsentiert in kaum bedeckter Offenheit picklige, gerötete, gegerbte oder gebleichte Haut und schleudert Blicke wie Keulenhiebe, die allesamt nach Pennälerart nölen: „Na und?“ Wie kam es bloß, dass ein Land sich fast flächendeckend der Anmut verweigerte, die immer auch eine Frage der Zurückhaltung und der Rücksichtnahme ist? Warum ist der sommerästhetische Mainstream eine monotone, hässliche, derbe Weise, variantenarm und plump, in der die enthüllte Zumutung alles und die verhüllte Proportion nichts gilt? Ist die Tyrannei der Unform am Ende eine gründlich fehlverstandene Etappe auf dem Weg zur totalen Mündigkeit? Keine Zivilisation kann sein, wo der Gruppenegoismus der Taktlosen triumphiert.

An jeder Ecke lungern die Geschmacksverirrten

Nun höre ich den Einwand: Das müsse man ertragen. Jeder dürfe, wie er wolle. Ich brauche nicht hinzusehen. Das aber hieße, in Frühling und Sommer mit geschlossenen Augen das Haus verlassen zu müssen, denn an jeder Ecke lungern die Geschmacksverirrten. Das aber hieße auch, das beleidigte Auge habe immer zu erdulden und das beleidigende Fleisch dürfe immerfort sich spreizen, grenzenlos und schambefreit. Darum, ihr Töchter und Söhne Germaniens, bitte ich herzlich, flehe und fordere ich jetzt: Lasst ab davon. Prüft euer Spiegelbild, ob es taugt zur Visitenkarte eures Ichs. Geht hinaus und freut euch am Frühling – doch vergesst nicht: Augenpaare sehen euch an, vielhundertfach, und nicht jedes davon ist für solche Attentate gewappnet.

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