Keine Heldentat

Alexander Kissler11.05.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Suizid des Kunstsammlers und Künstlers Gunter Sachs war eine Kapitulation. Er zeigt die Widersprüche eines auf Leistung und Denkvermögen reduzierten Menschenbilds.

Nicht jeder Tod ist ein Rätsel, aber jeder Tod wirft Fragen auf. Im Fall des Kunstsammlers, Fotografen, Dokumentarfilmers und Lebemanns Gunter Sachs, der sich eine Pistole in den Mund schob und abdrückte, lautet die erste Frage: Wer fand den Leichnam mit dem zerfetzten Gesicht? Wer wurde mit dem Anblick des leblosen Fleischs überrumpelt, vermutlich tief und schmerzhaft geschockt? Niemanden, heißt es, ließ Gunter Sachs teilhaben an seiner inneren Düsternis und seinen finalen Plänen. Waren es Bedienstete im Chalet zu Gstaad, waren es Angehörige, denen der Selbstmörder diesen grausigen Anblick zumutete?

Kein Scheitern ist gefräßiger

Niemand darf richten über die Verzweiflungen eines anderen. Niemand sollte aber auch den einsamen und letztlich egoistischen Entschluss umbiegen zur Heldentat. Jeder Suizid ist schrecklich für die Hinterbliebenen, jeder. Sie müssen fortleben mit der Lücke, die die gewaltsame Tat riss. Sie müssen Schmerz und Trauer doppelt tragen, aus denen sich der Suizident herauskatapultierte, indem er kapitulierte. Kein Scheitern ist gefräßiger. Es schwärt fort nach allen Seiten. Warum griff der 78-jährige Industriellensohn zur Pistole? Er wollte sich rechtfertigen, er verfügte, dass sein „Abschiedsbrief“ publik gemacht werde. Jeder, der es lesen mag, kann sich in die Motive versenken. Es war ein Suizid aus Angst vor Kontrollverlust. Weil Gunter Sachs eine „rapide Verschlechterung meines Gedächtnisses“ an sich beobachtete oder zu beobachten meinte, außerdem „gelegentliche Verzögerungen in Konversationen“, sah er ein Schreckensbild aufsteigen: der Ex-Playboy im Würgegriff der „ausweglosen Krankheit A.“ Aus Angst vor der selbst diagnostizierten und also lediglich vermuteten Alzheimerschen Erkrankung, aus Angst vor dem imaginierten „Verlust der geistigen Kontrolle“ zerschoss sich Gunter Sachs. Er wollte sich einen „würdelosen Zustand“ ersparen. Traurig, nicht heroisch ist diese Alterspanik. Für Gunter Sachs war Menschenwürde an Denkvermögen gekoppelt. Insofern dachte er soziobiologisch. Würde war ihm nicht die unverlierbare Beigabe zur menschlichen Existenz, sondern eine Leistung, die es intellektuell zu verdienen galt, die auch verspielt werden konnte: ein trauriger und verbreiteter Kurzschluss in einer Gesellschaft, die das Gehirn verherrlicht, die Seele verleugnet und den Menschen als Kostenstelle und Genpool missversteht.

Gunter Sachs kapitulierte

Ferner strickt die schrille Tat am Mythos, die Nichtexistenz sei einer eingeschränkten Existenz vorzuziehen, das Nichts dem Etwas, das nicht mehr alles ist. Er habe sich entschlossen, der „Bedrohung“ namens Kontrollverlust nun qua Selbstauslöschung „entschieden entgegenzutreten“: ein abermals sehr trauriger und in sich absurder Gedanke. Entgeht man dem Feind, wenn man dessen Werk vorauseilend selbst vollbringt? Ist die Flucht in den Tod ein Sieg über lebensmindernde Kräfte? Schlägt der Untergeher dem Untergang ein Schnippchen? Gunter Sachs kapitulierte. Daran ist nichts Unmenschliches und nichts Überraschendes. Er kapitulierte vor einer als mitleidlos erfahrenen Gesellschaft, deren Normen er so stark verinnerlicht hatte, dass er deren destruktive Widersprüche übersah. Der allertraurigste Satz im „Abschiedsbrief“ lautet: „Ich habe mich großen Herausforderungen stets gestellt.“ Der Suizid wird zur vermeintlich vernünftigen Antwort auf eine von abertausend „Challenges“, aus denen ein Leben heute besteht, in dem Schicksal und Prüfung nur Rätselwörter sind für Kinder. Wird man künftig hören: „Mach doch den Sachs“, wenn Alzheimer tatsächlich diagnostiziert wird? Was denken sich wohl neu Erkrankte beim Blick auf die Gstaader Nachrichten? Dass ihr Fall auch ein Fall sein sollte für die Ballistik, nicht für Therapie und Empathie? Nicht zum Vorbild, nicht zur Heroisierung taugt der egoistische Abschied. Er erinnert uns alle mit maximaler Wucht daran, dass ein Leben falsch ist, das solche Menschenbilder zeitigt.

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