Karl Kraus und die Kussräuberin

Alexander Kissler13.06.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der große Satiriker Karl Kraus starb vor 75 Jahren. Er warnte vor dem Staat als einem allgegenwärtigen Überwacher seiner Bürger, wie er sich heute wieder zu etablieren droht.

Es sei eingestanden: Ich habe nicht sehr viel von Karl Kraus gelesen, der vor 75 Jahren starb. Das Wenige aber ließ mich nicht. „Sittlichkeit und Kriminalität“ heißt das feuerrote, fackelrote Buch, mit dem die 12-bändigen „Schriften“ sehr zu Recht anheben. Es steht in Griffnähe und führt schnurstracks in die K.u.K.-Zeit. Heute wohnt niemand mehr in diesem „dunkelsten Österreich“, ist Majestätsbeleidigung keine Straftat mehr, sind Johann Feigl und Anton Krafft und all die anderen Ankläger, Angeklagten, Verurteilten längst gestorben. Geblieben aber ist die Erkenntnis, dass der moderne Staat ganz unschicklich und furchtbar unsittlich sich gebärden kann. Johann Feigl also, Vizepräsident des Wiener Landesgerichts, verurteilte einst den Taschenräuber Anton Krafft tatsächlich zu lebenslänglichem schweren Kerker. Kraus nennt den Richter einen Unhold und geißelt dessen „Attacken auf Menschengefühl und Gerechtigkeit (…). Nicht der Räuber von der Ringstraße, Herr Feigl werde unschädlich gemacht!“ Feigl folge seiner eigenen Bosheit, seinem Blutdurst. Der arme Krafft nämlich gab in der Verhandlung Widerwort, begehrte tapfer auf, und „das ward in diesem Hause und von Herrn Feigl noch nicht erlebt. (…) War gestern in demselben Hause ein Mann, der einem andern ein Messer in den Bauch gerannt hatte, zu fünf Tagen Arrest verurteilt worden, hier musste mit anderm Strafmaß gemessen werden.“ So lautete der Beschluss: „Am 10. März 1904 wurde in Wien lebenslänglicher schwerer Kerker wegen kecken Benehmens im Gerichtssaal diktiert.“

Man versteht den Zorn des Karl Kraus

Besser erging es dem Arbeiter Anton Zamparutti, der sich vor dem Landesgericht Triest verantworten musste, „weil er in politischen Wirtshausgesprächen den Kaiser von Österreich immer nur ‚König‘ genannt hatte.“ Er wurde nach einigem Hin und Her freigesprochen, jedoch wegen eines anderen Delikts zu drei Wochen Arrest verurteilt. Die 18-jährige Kellnerin Martha Knebel hingegen büßte mit „14 Tagen Arrest, verschärft durch 4 Fasttage,“ eine nächtliche Laune: Sie hatte auf dem Bahnsteig zu Tetschen „einem fremden Mann einen Kuss gegeben“. Sie war nun eine verurteilte „Kussräuberin“ und wurde in die deutsche Heimat abgeschoben. Man versteht den Zorn des Karl Kraus, der die bittere Losung formulierte, in Österreich dürfe „keine Woche ohne Justizschande vergehen. Vom politischen Größenwahn und vom moralischen Verfolgungswahn geblendet, misst die Gerechtigkeit Männern und Frauen den gleichen Anteil an Qual und Unrecht zu.“ In „gebirgskretinistischer Stimmung“ würden die Menschen in solche eingeteilt, „die vorbestraft sind, und solche, die es noch nicht sind“. So lebe man „im Lande der unschuldig Verurteilten und der schuldig Freigesprochenen“. Was nutzt es eben, wenn Anton Krafft in zweiter Instanz mit nur zwölfjähriger Kerkerhaft bestraft wurde, dort aber einer „Begnadigung durch Tuberkulose“ entgegensah, während Richter Unhold sich bald darauf „Hofrat ad personam“ nennen durfte?

Schicklichkeit und Dezenz schmücken den Staat

Die bizarren Fälle und Fehlurteile, die Karl Kraus in seiner „Fackel“ dem abgründigen Gelächter preisgab, sind weit entfernt von der “wohlfeilen Justizschelte unserer Tage(Link)”:http://www.zeit.de/2011/24/DOS-Interview-Kachelmann. Derart anmaßend tritt der Staat seinen beschuldigten Bürgern in der Regel nicht gegenüber, derart versessen auf das öffentliche Geschehen zwischen Mann und Frau ist er heute in der Regel nicht. Er gefällt sich vordergründig nicht als Sittenwächter mit Tremolo in der Stimme und Knute in der Hand. Dennoch: Auch heute droht die Lektion in Vergessenheit zu geraten, dass Schicklichkeit und Dezenz nicht nur das Individuum, sondern erst recht den Staat schmücken. Dass es kein Menschenrecht und auch kein staatliches Recht auf Neugier gibt. Dass jeder einzelne Eingriff des Staates in die Freiheitsrechte der Bürger begründungspflichtig ist, dass keine einzige Freiheitsbegrenzung sich von selbst versteht. Und vor allem: dass der Staat kein Weltanschauungswart sein darf. Karl Kraus hätte auch anno 2011 genug zu erzählen.

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