Ende eines Zwischenspiels

von Alexander Kissler28.02.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Der Rücktritt der Ratsvorsitzenden war unumgänglich. Glaubensgemeinschaften ohne Glaubwürdigkeit gehen zugrunde. Die evangelische Kirche hat nun die Chance auf einen geistlichen Neuanfang.

Wenn Personen der Öffentlichkeit von ihren Ämtern zurücktreten, lautet die Frage: War das nötig? Sind sie zu früh, zu spät oder umsonst zurückgetreten? Am Ende gar als Bauernopfer, um höheren Rängen den Rücken frei zu halten? Bei Margot Käßmanns Rücktritt stellt sich diese Frage nicht. Sie hatte keine andere Wahl. Eine Ratsvorsitzende jener evangelischen Kirche, die gerade für “7 Wochen Ohne” wirbt, für automobile wie alkoholische Enthaltsamkeit in der vorösterlichen Passionszeit, ist unglaubwürdig, wenn sie zur selben Zeit betrunken Auto fährt. Sie gefährdete sowohl das eigene wie das Leben anderer Verkehrsteilnehmer, und sie scherte sich keinen Deut um das christliche Fastengebot.

Wasser predigen, Wein trinken

Politikern wird ein solches heuchlerisches Verhalten derart oft unterstellt, dass es nur selten für einen Rücktritt taugt. Glaubwürdigkeit ist dennoch das wichtigste Gut der Politik. Es ist aber das einzige Gut, mit dem Glaubensgemeinschaften prunken können. Die Welt, mag sie noch so säkular sein, erwartet sich von den Gläubigen und erst recht von deren Spitzenpersonal den gelebten Vorschein eines anderen Lebens – eines Lebens, das um die Vorläufigkeit alles Irdischen weiß und daraus seinen Mut, seine Kraft, seine Hoffnung bezieht. Christen sollten zumindest aufrichtig versuchen, der Botschaft Jesu und dem moralischen Kompass des Neuen Testaments treu zu bleiben. Wer grob versagt, wer sündigt, verliert deshalb nicht den christlichen Prägestempel. Wohl aber ist er oder sie für ein Leitungsamt ungeeignet. “Nüchtern, besonnen, ehrbar”, heißt es im ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus, habe ein Bischof zu sein, “kein Trinker, kein Raufbold, sondern gütig”. Das traurige Ende des käßmannschen Intermezzos ist indes keine Tragödie. Nicht als Theologin, sondern als linkspolitischer Kopf mit Mut zur Innerlichkeit hatte sie Erfolg. Noch in ihrer knappen Rücktrittserklärung präsentierte sie sich – ohne auf die näheren Umstände des Rauschs und der rätselhaften Fahrt einzugehen – als politisch denkende Frau mit Herz und Seele. Die “Grüße und Blumen” hätten “meiner Seele sehr gut getan”. Nun aber müsse sie, mit einem alttestamentlichen Bibelwort gesprochen, tun, “was dir dein Herz rät, und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben.”

Politische Rhetorik

Sie sprach vom “schweren Fehler”, nicht von Sünde oder Schuld, bemühte sich also, dem Rücktritt einen politischen Anstrich zu geben. Nicht, wie es bei christlicher Reuebekundung üblich ist, Verzeihung oder Vergebung erhoffte sie von Gott. Stattdessen tat es ihr leid, dass sie jetzt “viele enttäusche, die mich gebeten haben, im Amt zu bleiben, ja die mich vertrauensvoll in diese Ämter gewählt haben”. Wir wissen nicht, was im stillen Kämmerlein geschah. Öffentlich dominierte – trotz der Schlussformel, man könne “nie tiefer fallen als in Gottes Hand” – wieder die politische Rhetorik, die säkulare Redeweise. Das Intermezzo endete ebenso subjektiv und politisch, wie es während der vier Monate wahrgenommen worden war. Die evangelische Kirche hat nun die echte Chance auf einen geistlichen Neuanfang.

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