Deutschland auf der Couch

Alexander Kissler16.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Im zurückliegenden Jahr haben sich die Bücher des Eckhart von Hirschhausen am besten verkauft. Müssen wir uns um den Seelenzustand der Nation sorgen?

Der Leser hat gesprochen: Im zurückliegenden Jahr trug das deutschlandweit meistverkaufte Buch den kalauernden Titel “Die Leber wächst mit ihren Aufgaben”. Der Sprachwitz dürfte zum Erfolg nicht unerheblich beigetragen haben. Auf Platz zwei rangiert die Mutter aller neueren Vampirromane, “Bis(s) ans Ende der Nacht” von Stephenie Meyer – abermals ein Buch mit Doppelsinn im Titel. Bronze sicherte sich wiederum Eckhart von Hirschhausen, der neben der Leber auch noch das ganze Leben verarztete: “Glück kommt selten allein”. Betrachtet man nur die gebundenen Sachbücher, steht die Glücksplauderei an der Spitze, gefolgt vom gleichfalls witzelnden philosophischen Ratgeber “Wer bin ich und wenn ja wie viele?” und der humorigen Reise durch die Welt der Behinderung “Irre! Wir behandeln die Falschen”. Deutschland legte sich also 2009 freudig auf die Couch. Therapeutische Bücher machten das Rennen. Natürlich handelt es sich um keine Fachliteratur im engeren Sinne, natürlich dominieren Anekdote und Gefühligkeit, gute Laune und Oberfläche. Selbst die Vampirreihe hat diesen lebenspraktischen Zug, stellt sie doch auch eine Einführung dar ins sich bescheidende Dasein, in die Wonnen des Wartens und Verzichts, nicht nur auf sexuellem Gebiet.

Bildung, ohne auf Unterhaltung verzichten zu müssen

Im Grunde aber lautet das Erfolgsrezept: Wissenshäppchen, locker und apart von schmucken Männern präsentiert, munden bei Tag und bei Nacht. Von der Bildungskrise, die sie abzumildern meinen, profitieren die Bestsellerautoren gewaltig. Sie prunken mit dem Versprechen, dem Auditorium ein klein wenig etwas beizubringen, ohne dass es auf Unterhaltung verzichten muss. Der größte anzunehmende gesellschaftliche Nenner ist offenbar genau diese Mischung aus reibungsfreiem Humor und Small-Talk-Weisheiten. “Haha mit Aha” nennt von Hirschhausen sein Programm. Der Seidenschalträger mit der kratzigen und leicht blasierten Stimme ist kein Kind von Traurigkeit und wahrlich kein Dummkopf. Witzig aber ist er nicht. Als “Deutschlands lustigster Arzt” wird er annonciert, woraus unmittelbar folgt, dass deutsche Ärzte in der Regel rechte Trauerklöße sind. Wer mag es ihnen angesichts eines Gesundheitssystems im Dauerstress verdenken? Von Hirschhausen aber, die personifizierte Ausnahme, lässt nicht locker: Glück sei Erwartungsmanagement, belehrt er uns. Niederlagen, heißt das wohl, sollte man zeitig in den persönlichen Lebensentwurf einpreisen. Irgendwann ist man dann rundherum glücklich, wenn einem nur der Himmel nicht auf den Kopf fällt und das Haar nicht in die Suppe.

“Es ist einfach, glücklich zu sein. Schwer ist nur, einfach zu sein.”

Glückskekskompatibel ist auch dieser Hirschhausenspruch: “Es ist einfach, glücklich zu sein. Schwer ist nur, einfach zu sein.” Das ist wie so oft grundfalsch nicht und also sehr verkehrt. Knapp daneben lauert hier das Unwahre, kuschelig verpackt. Muss man demnach einfach sein, um glücklich zu werden, was einem aber partout nicht gelingen will, weil das Einfache das unrettbar Schwere ist? Dann bedeutet der Satz eben doch, was er negieren will: dass es sehr schwer ist, glücklich zu sein. Von Hirschhausen will ein Komiker sein und ernst genommen werden – als sei das nicht der Antrieb aller Spaßmacher, auch solcher, die wirklich welche sind. Er will “Hirnforschung, Komik und therapeutische Metaphern” verbinden und stößt damit erwiesenermaßen auf gewaltige Nachfrage. Sind die Deutschen demnach ein Volk, das sich gerne öffentlich heilen lässt und belehren, weil es sich als krank empfindet und ignorant? Vermutlich ist dem wirklich so. Deshalb ist es eher nicht zum Lachen, wenn dieses neunmalkluge Kind die Massen verzückt. Hoffen wir auf Linderung.

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