Alles hat seine Zeit

von Alexander Kissler24.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Heilige Abend ist zur Krise geworden, weil er Ansprüche erfüllen soll, die er nicht erfüllen kann: ein Plädoyer für weniger Besinnlichkeit und mehr Besinnung, weniger Vorweihnachtszeit und mehr Weihnachten.

Ein Seufzer geht durch Deutschland, es ist geschafft. Weihnachten ist da. An Heiligabend kommt ein ganzes Land gemeinsam zur Ruhe. Zwischen spätem Nachmittag und frühem Abend muss sehr traurig, sehr einsam oder sehr wichtig sein, wer nicht alles Tun fahren lässt. Die Geschenke sind besorgt, aber noch nicht ausgepackt, das Essen ist vorbereitet, aber noch nicht verzehrt, der Kirchgang geplant, aber noch nicht vollzogen. Es sind die kostbarsten Stunden eines Jahres, ist geborgte Zeit, geschenkte Zeit, für einmal dem Zwang des Gegenschenkens und Zurückerstattens enthoben. Das Zerreißen des Geschenkpapiers durchschneidet sie.

Weihnachten endet

An Heiligabend geschieht dann nämlich, was bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein undenkbar schien: Weihnachten endet. So plötzlich, wie es kam, entfällt es uns wieder. Eben noch griffen wir danach, schon liegt es am Boden, verborgen zwischen den raschelnden Papieren und all den Stimulanzien für Körper und Sinne. Das Fest selbst vollzieht sich wie so viele andere Feste auch und wird spätestens am zweiten Feiertag zu Grabe getragen – wenn nicht schon am Geschenkeabend selbst, der vielerorts mit “Christmas Partys” und “Schrillen Nächten” die Silvesterstimmung vorwegnimmt. Woran das liegt? An einer Disproportionalität, die ins Monströse gewachsen ist und den Blick auf alles Einmalige verstellt. Wir haben an ihr teil, nolens volens, in fast sämtlichen spätmodernen Lebensvollzügen, also auch am Weihnachtsfest: Dort, wo der Rummel waltet, das Hinausschreien von Produktqualitäten, wo die Waren- und die Werbeindustrie regiert, da muss mit Getöse und mit sehr viel Ausdauer die Lust auf den Konsum wachgehalten werden, während der Konsum selbst eine Affäre von Augenblicken ist. Kurz das Leben, lang die Kunst – das war einmal. Heute heißt es: Lang währt die Reklame, kurz ist der Genuss. Sämtliches industrielles Raffinement – auch die Bewusstseinsindustrie der Medien macht keine Ausnahme – ist seit dem Spätherbst darauf ausgerichtet, durch regelmäßige Kaufentscheidungen eine sehr diffuse Vorfreude lebendig zu halten. Wir sollen konsumieren und im Konsum die “Vorweihnachtszeit” auf Dauer stellen. Alberne Plüschwesen sollen ebenso diesem nationalökonomischen Zweck dienen wie klebrige Süßigkeiten, duftende Schaumbäder und “besinnliche” Bücher. Die Besinnlichkeit ist zum Alb der Weihnacht geworden, zum fahlen Nachtmahr trüber Monate.

Besinnlich raus- Böller rein

Niemand wird gezwungen, die Produkte in der verordneten Spanne zu erwerben, niemand kann der Industrie vorschreiben, was sie wann in die Läden schaufelt. Der Widerstand aber geht über der meisten Konsumenten Kräfte. Der Sog scheint unwiderstehlich und kehrt sich hie und da gegen sich selbst: Eine Woche vor Heiligabend räumen manche Ladenbesitzer die “besinnlichen” Produkte aus den Regalen, machen Platz für den Silvesterschabernack. Der Preis für diese Ungleichzeitigkeit ist groß. Weihnachten, das ehedem die Spanne meinte zwischen erstem Feiertag und Dreikönig, zwölf Nächte lang, schnurrt zusammen auf die zwei, drei Stunden zwischen dem “Warten aufs Christkind” und der Bescherung, vielleicht verlängert um die Mitternachtsmette. Kein derart kurzer Moment kann all jene Erwartungen, Hoffnungen, Ansprüche befriedigen, die drei Monate und länger gezüchtet worden sind. Weihnachten kollabiert unter dem Druck einer gigantischen Vorweihnachtszeit. Die Besinnlichkeit erschlägt die Besinnung. Das Gegenmittel ist rasch bei der Hand: Das Davor gilt es zu kappen, das Danach zu verlängern. Die Luft, die aus der Vorweihnachtszeit entweichen muss, lässt Weihnachten gedeihen. Für die Ökonomie unseres Seelenhaushaltes kann es nur von Vorteil sein, wenn wir die Zeit der Erwartung kürzen, damit die Erfüllung Raum gewinnt – und mit ihr der wahre Genuss und die echte Freude. Dann entsteht auch jene innere Freiheit, in der Weihnachten seinen Sinn entfalten kann: Ein Anfang wurde damals gemacht zu Betlehem, der anhält bis heute. Eine neue Zeit und eine neue Zeitrechnung kamen in die Welt. Kein Erinnerungsfest wird an Heiligabend exekutiert, sondern eine erlösende Zukunft schreitet Jahr um Jahr fort. Nach vorne, nicht rückwärts führt der rettende Weg. Fröhliche Weihnachten!

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