Wir lassen den Computer unseren Körper und Geist kommandieren. Linda Stone

Lasst das Fragen sein

Der Schock hält weltweit an, der Zorn wächst: Warum nur hat Anders Breivik so viele Menschen ermordet? Jedes Warum aber ist hier ein Warum zu viel.

Knapp einhundert Menschenleben hat Anders Breivik auf dem Gewissen – so er denn eines hat. Der 32-jährige Mann exekutierte in außerordentlicher Kaltblütigkeit rund 80 Teilnehmer eines Ferienlagers für Jugendliche, nachdem er zuvor im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe gezündet hatte. Seit die traurigen Nachrichten aus dem sonst für seinen sozialen Ausgleich gerühmten Norwegen am vergangenen Freitag über die Welt hereinbrachen, beherrscht wie üblich nach Amokläufen, Attentaten, Massenmorden die eine Frage die Medien: Warum?

Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt

Allzu menschlich ist dieses Erkenntnisinteresse. Wir wollen verstehen, was ganz unverständlich scheint. Wir wollen begreifen, was sich nicht greifen lässt, wollen erklärt bekommen, was sich in uns partout nicht klären will. Wir suchen nach Kausalketten, weil wir gelernt haben, dass jede Wirkung eine Ursache, jede Tat ihren Grund hat, der, einmal nur gefunden, alle folgenden Haltungen gleichsam wie von selbst auffächert. Wir gehen zu unserem Besten davon aus, dass immer ein Feuer ist, wo wir einen Rauch sehen. Da aber irren wir uns.

Um unserem Erkenntnisinteresse abzuhelfen, werden wir traktiert mit „Psychogrammen“. Die Seelenschrift des Anders Breivik soll entschlüsselt werden, damit sie ihr Geheimnis preisgebe. Wir lesen von kalter Aggression und Mentalisierungsstrategie, vom hyperaktiven Dopamin-Belohnungssystem. Wir hören von einer zerrütteten Familie, von der Mitgliedschaft bei den Freimaurern, vom Spiel mit christlichen Versatzstücken. Immer neue Zitate aus seinem 1500-Seiten-Manifest tauchen auf, das in weiten Teilen übel zusammengeleimt sein soll. Anders Breivik gefiel sich offenbar in der Rolle eines Luzifers, eines Lichtbringers im bewaffneten Kampf gegen Marxisten, Muslime, Multikulturalisten.

Allein, kein einziger Satz wird die Antwort enthalten auf das große Warum. Kein Experte wird je sagen können, aufgrund welcher familiären oder neuronalen oder weltanschaulichen Besonderheit der blonde Einzelgänger die bestialische Tat letztlich ins Werk setzte. Nicht nur Kausalketten nämlich machen unser Leben aus, sondern auch Sprünge. Nicht nur Gründe, auch Abgründe führen zu Taten. Und jenseits aller kleinteiligen Erklärungsmuster gibt es immer auch das große Ganze, das ewig Gute und das unrettbar Böse.

Das Böse war und ist und wird sein

Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass alles Tun in tausend Einzelteile sich zergliedern lässt, deren jedes einzelne so oder ganz anders betrachtet werden kann. Der Schritt nach vorne, heißt es dann, kann dich auch zurück führen, was dem einen schadet, frommt dem anderen ganz ungemein, alles sei relativ bedeutsam, relativ gut, relativ schlecht. Meistens treffen wir damit exakt ins Schwarze unserer Lebenswelt. Manchmal zimmern wir uns damit aber ein Brett vor dem Kopf und müssen erkennen: Das Böse existiert. Es sucht sich heute dieses, morgen jenes Kleid, und lässt uns immer ratlos zurück. Es triumphiert ganz höhnisch, wenn wir uns vergebens den Kopf zermartern.

Souverän also wäre der Mensch, der sich erschüttern, bewegen, aufrütteln lässt und wachsam bleibt, der aber nicht die Sinnfrage am untauglichen Objekt wieder und wieder stellt. Jedes Warum ist hier ein Warum zu viel. Das Böse war und ist und wird sein. Mehr gibt es zu Anders Breivik nicht zu sagen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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