Eine politisch engagierte Frau passt nicht ins Rollenbild der CSU. Gabriele Pauli

Sag einfach Ja

Neulich in Deutschland, abends um acht: Wie sich die Tagesschau in ein treusorgendes Wohlfühlformat verwandelte und nichts dabei fand.

Die „Tagesschau“ ist eine Nachrichtensendung und als solche ein Ausbund an Seriosität: Lange galten diese Grundannahmen unumstößlich. Sie bildeten das Grundgesetz der Fernsehberichterstattung. Vorbei, vorbei, das war einmal. Die Transformation der „Tagesschau“ zum treusorgenden Wohlfühlformat wurde am Ostermontag abgeschlossen. Daran müssen wir uns gewöhnen.

Was geschah am Ostermontag? Offenbar nicht viel, offenbar war es ein beschaulicher, innerlich wie äußerlich sehr sonniger Tag. Diesen Eindruck vermittelte die „Tagesschau“, indem sie das erste Drittel ihrer Hauptsendezeit, exakt 4 Minuten und 57 Sekunden, mit der Null-Nachricht füllte, dass der deutsche Protesttourismus nach Jahren der Krise zu alter Stärke zurückgefunden hat. Die „erfahrenen Gegner“ (so Reporter Nils Kicker) sind wieder da, die Gegner der Kernkraft von ehedem.

Der Nachrichtenwert einer Wurstsemmel

Natürlich ist die Frage nach der Zukunft der Energie bedrängend. Natürlich ist es ein wunderbar ermutigendes Zeichen, wenn die Zivilgesellschaft gemeinsam um den richtigen Weg ringt. Ein „Weiter so“ klänge nach Fukushima ignorant. Daraus folgt aber nicht, dass an einem Tag, an dem die Nato Tripolis bombardierte, an dem der syrische Präsident auf seine Landsleute schießen ließ und sein jemenitischer Schergenkollege den Drang zur Machterhaltung bekräftigte – dass also an einem solchen turbulenten Tag die laut „Tagesschau“ allerwichtigsten Neuigkeiten den Nachrichtenwert einer Wurstsemmel nur geringfügig übersteigen dürften.

Wir hörten nämlich zuerst und sehr ausführlich: „Mehr als 100.000 Menschen“ hätten „an zwölf Standorten von Atomanlagen“ demonstriert, „nach Angaben der Veranstalter“. Wir sahen: Holzkreuze mit der Aufschrift „Hier ruht in Frieden: menschliche Vernunft“, trommelnde Männer, gelbe Tonnen im Fluss, ein Mitglied der „Anti-Atom-Initiative ‚ausgestrahlt‘“ vor dem Mikrofon, ein Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad“ ebenso, dito einen namenlosen Demonstranten und final einen Traktor von hinten mit der Aufschrift „Abpfiff für Atomkraft“.

Wir hörten weiter: „Mehrere Tausend Menschen“ hätten „auch in Frankreich“ demonstriert. Wir sahen: Ein kleines Mädchen mit Bauchladen, auf dem Miniatur-AKW standen, einen namenlosen jungen Demonstranten, zwei ältere Herren mit gelb lackiertem Fass und „C&A“-Tasche, die „Europabrücke“ überschreitend, sodann französische Demonstranten, die „die kleinere Gruppe“ bildeten, einen namenlosen Straßburger Schnauzbartträger, ferner „Frankreichs bekanntesten Umweltschützer“, sodann Protestveteran Jo Leinen von der SPD, „Frankreich muss da mitmachen“. Die Reporterin schloss nach knapp fünf Minuten: „Doch auch hier war die Mehrheit der Atomkraftgegner aus Deutschland angereist.“

Zehntausend Fans

Was sagt uns das? Zwischen geschätzten 2000 und 10.000 Deutschen fanden sich laut unbestätigten, aber gewiss interessegeleiteten Veranstalterangaben pro Ort zusammen, um gegen Atomkraft zu protestieren. Auch ein paar Hundert Franzosen ließen sich begeistern. Das ist nicht nichts, aber doch eine arge Petitesse. Bei Volksfesten, Sportereignissen, Wallfahrten kommen mehr Menschen zusammen. Dass diese No-News in epischen fünf Minuten abgehandelt wurden, als sei ein Krieg ausgebrochen, ein Land zerstört oder ein Kanzler gestorben, lässt tief blicken. Hier triumphiert das Wollen über das Können, das sympathetische Empfinden über die professionelle Distanz: Ja, schallt es aus den Redaktionsstuben der „Tagesschau“, ja, Deutschland begräbt endlich die Atomkraft, lasst uns denn ein Freudenfeuer entzünden, schlagt laut die Pauke, blast die Trompete, wir freuen uns ja so.

Mit Journalismus hat ein solcher gebührenfinanzierter Endorphinschub kaum etwas zu tun. Mit Seriosität auch nicht. „Tagesschau“, geliebte „Tagesschau“, ich werde Dich vermissen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Kissler: Provision auf Weltrettung

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