Im Namen des Apparats

Alexander Kissler18.12.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Man kann nach dem Amoklauf über Waffen reden und über Psychotherapie. Wie aber hält es unsere Welt mit dem Erbarmen?

Jeder Amoklauf hinterlässt Leid und Tod, Verzweiflung und offene Fragen. Er ist die schlechthin irreduzible Tat. An ihr zerbricht alle Psychologie. Auch die 27 Toten von Newtown, Connecticut sind ein erschütterndes Mahnmal ohne die eine klare Botschaft. Wolfgang Sofsky spricht vom „Bewegungssturm des Amok“. Die „Wut der Gewalt“ sei gekennzeichnet durch „die blinde Wahllosigkeit des Niedermetzelns, das schwarze Glück der Erlösung“, denn „jede Bindung lässt der Täter hinter sich, jeden Eid, jede Moral. Die Leidenschaft des Tötens ergreift ihn. (…) Der Gewaltrausch löscht das Verhältnis zu sich selbst.“

So viel Sehnsucht nach Selbstvernichtung im Modus der Fremdvernichtung sprengt den Käfig der treusorgenden Rede. Der Täter von Newtown war vermutlich in höchstem Maße behandlungsbedürftig, krank von der Lebensmitte her, ohne dass er auf ein linderndes Du getroffen wäre. Auch haben die Vereinigten Staaten – im Gegensatz zu den reflexhaft anschlagenden Nanny-Politikern hierzulande – alles Recht der Welt, aus diesem Anlass über einen erschwerten Zugang zu Waffen nachzudenken. Diese indes sind und bleiben Instrumente, sei’s des Schutzes, sei’s der Vernichtung, sind und bleiben Akzidenzien, die immer nur in einem nachgeordneten Verhältnis stehen zur Substanz des Bösen, das sich Bahn brach. Ein rein instrumentelles Verhältnis zu den Problemen, die uns umgeben, wird nie zu deren Wurzel vordringen.

Das Gerücht stolziert durch die Schlagzeilen

In Berichten über das Massaker von Newtown, Connecticut stand zu lesen, der jugendliche Mörder habe „20 kleine Kinder und sechs Erwachsene erbarmungslos erschossen“, ehe er sich selbst tötete. Offenbar, will das kleine Adverb uns sagen, gehört es zum menschlichen Minimum, Erbarmen zu zeigen. Wer sich erbarmungslos verhalte, der schließe sich selbst aus der Gattung aus. Wem jegliches Erbarmen fremd ist, dem ging verloren, was uns eint. Menschen, heißt das, sind menschlich genau so lange, wie sie im anderen ein Spiegelbild sehen können der eigenen Geschöpflichkeit und deshalb davon ablassen, ihn zu knechten, ihn zu entstellen, ihn zu vernichten im Todesrausch.

Damit aber stellt sich sofort die Frage nach dem Grundwasserspiegel an Erbarmen in unserer Weltgesellschaft. Dieser kann nichts anderes sein als ein Indikator für Menschlichkeit. Wer wollte bestreiten, dass auch in vorderhand gesunden oder sich gesund dünkenden Hirnen und Seelen das Erbarmen eine knappe Ressource ist? Leben wir nicht in einer Epoche, die, je länger sie währt, an desto mehr Stellen unbarmherzige Züge annimmt? Die die Schadenfreude und den Futterneid und die Vernichtungsgier zu sozial erwünschten Karrierebausteinen, zum alternativlosen Zeitrequisit umgedeutet hat?

Medien sind es und Ökonomien, die fleißig mittun an dieser Kultur der Erbarmungslosigkeit. Schuldig auf Verdacht, lautet das Motto im öffentlichen Diskurs. Das Gerücht stolziert durch die Schlagzeilen, offline wie online, und gibt sich als Wahrheit aus. Die Vermutung wird dreist und duldet keinen Widerspruch. Der Angeklagte muss schuldig sein, und Ankläger ist jeder, der eine Stimme hat und Gehör findet. Das Geahnte geht als Wissen durch, das Gemunkelte als Erkenntnis. Und wer tatsächlich einmal überführt wurde, der soll verflucht sein bis ins letzte Glied. Der raschen Aburteilung folgt die ewige Verdammnis. So will es ein heiß gelaufener Puritanismus, der nur die eigenen Verfehlungen gnädig bedeckt.

Im Namen des Apparats

Auch die obersten Gesetze einer Ökonomie, die über die Ufer trat, fordern Terraingewinn durch erbarmungsfreies Niederwerfen. Der eigene Kopf gilt als Fehler im System, der Mensch stört, wenn er mehr begehrt, als zu funktionieren. Sozialverträglichkeit und Schonung und Teambuilding und Human Resources sind Codes, die verfestigen, was fehlt. Im Namen des Apparats, der laufen und der Rendite ausspucken muss, ist kein Halt vorgesehen an den Abzweigungen des Menschlichen. Die Ausbeutung übernimmt der spätmodern zurechtgestutzte Mensch selbst. Er ist bei sich, wenn er gehorcht, ohne es zu merken.

Im „Buch der Weisheit“ heißt es vom Gott des Bundes, er habe „mit allem Erbarmen“, weil er alles vermag. Im Brief des Paulus an die Epheser wird er „voll Erbarmen“ genannt, im Brief an die störrischen Korinther „Vater des Erbarmens“, der tröste „in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind“. Von diesen Zeilen führt scheinbar kein Weg zum Massaker von Newtown, Connecticut, das sprachlos macht und klein. Und doch will auch diese Frage adventlich gestellt sein: Wie kann eine Welt, die an ihren Instrumenten irrezugehen droht, zurückfinden in eine Spur des Erbarmens?

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